Strukturelle Probleme im deutschen Gesundheitssystem sind längst kein abstraktes Diskussionsthema mehr, sondern deutlich spürbar in unserer Alltagsrealität – sowohl für Patienten als auch für Mitarbeitende in den einzelnen Gesundheitssektoren. Personalmangel, Budgetkämpfe, weite Behandlungswege, viel Bürokratie und insgesamt fehlende Möglichkeiten, individuell auf einzelne Fälle einzugehen, erschweren dabei den Genesungsprozess. Die Grenzerfahrungen, die sowohl Patienten als auch Mitarbeitende im Behandlungsalltag machen, untermauern den dringenden Handlungsbedarf. Besonders im ländlichen Raum sehen sich Menschen mehr und mehr mit Schwierigkeiten konfrontiert, wenn es um den Zugang zu verlässlicher ärztlicher Betreuung geht.
Welche Ursachen verbergen sich hinter den herrschenden Verhältnissen rund um die ländliche Gesundheitsversorgung und wie können wir bestmöglich damit umgehen?
Aktuelle Zahlen
Menschen werden nicht zuletzt dank der wachsenden medizinischen Möglichkeiten immer älter. Der demografische Wandel zeigt sich auch an der steigenden Zahl an Patienten mit medizinischem Versorgungsbedarf. Menschen benötigen häufig eine umfassendere Behandlung aufgrund von chronischen Erkrankungen, die sich mit zunehmendem Alter häufen. Parallel fehlt es an Nachwuchs im hausärztlichen Bereich, wie aus einem 2024 erschienenen Bericht im Bundesgesundheitsblatt hervorgeht:
Blickt man auf die soziodemografische Situation, so zeigt sich, dass inzwischen jede/r dritte Hausärzt*in ein Alter von 60 Jahren oder mehr erreicht hat. […] Berechnungen zeigen, dass jährlich etwa 1700 Hausärzt*innen aus der Berufstätigkeit ausscheiden, während die fachärztlichen Anerkennungen zwischen 1300 und 1400 liegen. Obwohl Letztere zuletzt wieder anstiegen, ist der Kompensationsbedarf zur Aufrechterhaltung der bestehenden Versorgungskapazitäten seit geraumer Zeit ungedeckt. […]
- Wangler, Jansky
Infolge dieser zusammenwirkenden Trends sei bis zum Jahr 2030 ein Defizit von bis zu 23.000 hausärztlichen Vollzeitäquivalenten möglich, wobei hiervon besonders ländliche und strukturschwache Regionen betroffen sein dürften – so Wangler und Jansky.
Warum warten wir so lange auf Arzttermine?
Es zieht sich durch sämtliche Sparten im ländlichen Raum - nicht nur die hausärztliche Betreuung ist knapp, auch auf Termine bei Fachärzten wartet man nicht selten bis zu einem Jahr. Fachkräftemangel ist hier nicht der einzige Grund, sondern vielmehr einer von mehreren Aspekten, wie auch das Stichwort Bürokratie in diesem Zusammenhang beweist. Behandlungswege werden unter anderem auch deshalb so lang und beschwerlich, weil Patienten für die nötigen Dokumente oft verschiedene Stationen ansteuern müssen.
Strukturprobleme im deutschen Gesundheitswesen
Es mag verlockend sein, derartige Herausforderungen im medizinischen Behandlungsalltag am Einzelfall oder einer Einzelperson festzumachen. Allerdings darf man davon ausgehen, dass hinter den meisten Versäumnissen eine strukturelle Ursache steckt und keine böse Absicht. Die Autoren einer 2025 erschienenen wissenschaftlichen Publikation zum Thema Unterversorgung verorten den Kern des Problems in den Strukturen des Gesundheitswesens:
„Es besteht im Allgemeinen Einigkeit darüber, dass das größte Strukturproblem im deutschen Gesundheitswesen in der sektoralen Organisation und Finanzierung besteht. Trotz der zahlreichen Initiativen zur „integrierten Versorgung“, die bis zum Gesundheitsstrukturgesetz 1992/93 zurückgehen (damals wurde die Einführung erster Fallpauschalen durch das ambulante Operieren und vor- und nachstationäre Versorgung flankiert) ist eine anhaltende und wirksame Integration an den fortbestehenden, durch die getrennten Budgets getriebenen Sektoregoismen gescheitert. Eine wirksame Bekämpfung der Unterversorgung müsste also an dieser Stelle ansetzen.“
– Autorengruppe Gesundheit
Mit “Sektoregoismus” ist hier gemeint, dass einzelne Bereiche oder Betriebe bei der Verteilung der finanziellen Mittel aus wirtschaftlichem Eigeninteresse keine Priorität auf eine funktionierende, sektorübergreifende Zusammenarbeit legen. Eine entsprechend unklare Organisation führt wiederum zu nachvollziehbarer Frustration auf Patientenseite.
Was müsste sich auf struktureller Ebene ändern?
Um medizinische Unterversorgung in den Griff zu bekommen, reicht laut Expertenmeinung ein bloßes Aufstocken des Personals nicht aus. In anderen Worten:
„Unterversorgung ist folglich nicht allein durch die Erhöhung der Kapazitäten zu vermeiden bzw. zu beseitigen, sondern es bedarf eines strategischen Ansatzes, der regionale Bedürfnisse berücksichtigt, die Bürokratie reduziert und die Zusammenarbeit zwischen Hausärzten, Fachärzten, den verschiedenen Berufsgruppen und den Patienten selbst fördert.“
– Autorengruppe Gesundheit
Zudem fehle es der gesundheitspolitischen Diskussion oft an einer klar formulierten Zielorientierung.
Was wird aktuell unternommen?
Landarztquote
Um der regionalen medizinischen Unterversorgung entgegenzusteuern, arbeitet ein Großteil der Bundesländer, wie Baden-Württemberg oder Bayern, mit der sogenannten Landarztquote. Hier werden angehende Medizinstudierende unter der Voraussetzung zugelassen, dass sie sich im Anschluss an ihr Studium für eine Tätigkeit als Landärzte verpflichten.
Finanzielle Förderungen
Ärzte, die in unterversorgten oder von Unterversorgung bedrohten ländlichen Räumen praktizieren, erhalten finanzielle Förderungen. Nach eigenen Angaben der Deutschen Apotheker- und Ärztebank zeigen diese auch Wirkung. Die einzelnen Bundesländer stellen hier verschiedene Förderungen für ihre Landärzte in Aussicht.
Neue Versorgungsformen
Damit die Versorgung im ländlichen Raum besser gedeckt ist, kommen neue Versorgungsformen zum Einsatz. Darunter fällt neben der Telemedizin auch die Behandlung in sogenannten medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Diese bieten den Vorteil, dass Ärzte verschiedener Fachrichtungen unter einem Dach praktizieren, was besonders für ländlich lebende Patienten mit weiten Anfahrtswegen die Versorgung zugänglicher macht.
Welche Möglichkeiten haben wir als Patienten?
Gespräche über strukturelle Probleme können einen mit Gefühlen von Hilflosigkeit und Überforderung zurücklassen. Es mag zwar stimmen - strukturelle Probleme können nur auf struktureller Ebene beseitigt werden - jedoch bleibt die Frage nach den eigenen Gestaltungsmöglichkeiten im praktischen Alltag.
Wie komme ich zum Arzt, wenn ich selbst mobil eingeschränkt bin?
Insbesondere auf dem Land gilt der Faktor Distanz. Die nächste Praxis oder Apotheke befindet sich nicht immer in wohnnaher Umgebung, was eine gute Mobilität seitens der Patienten erforderlich macht. Ist diese eingeschränkt, können Fahrdienste Abhilfe schaffen. Entsprechende Unterstützung findet man in Deutschland beim Deutschen Roten Kreuz (DRK), den Johannitern oder den Maltesern. Liegt eine medizinische Indikation vor, übernimmt in der Regel die Krankenkasse die Kosten.
Wie finde ich einen neuen Hausarzt?
Über die Website ‘arztsuche.116117.de’ ist es möglich, nach Angabe der Postleitzahl auf Arztsuche zu gehen. Alternativ kann man mithilfe der Nummer ‘116117’ telefonische Unterstützung bei der Arztsuche bekommen. Auch über Doctolib oder jameda kann nach Ärzten in der Umgebung gesucht werden.
Was, wenn ich Medikamente brauche und keine Apotheke in meiner Nähe habe?
Rezeptfreie Medikamente können in offiziellen Online-Apotheken wie der Shop Apotheke oder DocMorris erworben werden. In Deutschland ist es außerdem möglich, auch rezeptpflichtige Medikamente unter Vorlage des entsprechenden Rezepts online zu bestellen.
Das Fazit?
Um einer demografischen Veränderung wie der Überalterung auf dem Land beizukommen (und dem damit verbundenen wachsenden Versorgungsbedarf), wird an verschiedenen Lösungsansätzen gearbeitet. Bis eine nachhaltige Umstrukturierung unseres Gesundheitssystems im ländlichen Raum spürbare Wirkung zeigt, braucht es jedoch Zeit. Patienten stehen währenddessen vor der Herausforderung, ihre Gesundheitsversorgung mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zu großen Teilen selbstständig zu organisieren. Hier öffnet die Digitalisierung einige Türen und erlaubt uns somit, unsere Möglichkeiten über etwaige geografische Grenzen hinaus auszuweiten. Eigenverantwortung ist hier aber kein Ersatz für Systemverantwortung; die dürfen wir ruhig dort lassen, wo sie hingehört.
Weiterführende Links:
🚑 Fahrdienste:
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👩⚕️ Arztsuche:
arztsuche.116117.de: ➡️ hier klicken
Doctolib: ➡️ hier klicken
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💊 Online-Apotheken:
Shop Apotheke: ➡️ hier klicken
DocMorris: ➡️ hier klicken
Quellen:
Autorengruppe Gesundheit. Unterversorgung im deutschen Gesundheitswesen – das unterschätzte Problem. Monitor Versorgungsforschung, April 2025. ➡️ Link
Doctolib. (2024, 15. Februar). MVZ – Vorteile und Nachteile. Doctolib Pro - Deutschland. ➡️ Link
Kaus, R. (2025, 26. September). Landarztquote: wichtige Infos & Studienbestimmungen. praktischArzt. ➡️ Link
Konnegen, I. (2025, 20. März). Arbeit als Landarzt/-ärztin: Übersicht der Fördermöglichkeiten. praktischArzt. ➡️ Link
Wangler, J., Jansky, M. (2024, 11. Juni). Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung in Deutschland - Befunde einer quantitativen Befragung von Allgemeinmediziner*innen. Bundesgesundheitsblatt. ➡️ Link
Widera, A. (2021, 3. März). Gesundheitsversorgung auf dem Land: Förderung zeigt erste Wirkung. apoBank. ➡️ Link




