Als ich mir nahestehenden Menschen vor einigen Monaten erzählte, dass ich jetzt jemanden treffe, kam folgender Satz als Reaktion: “Oh, das ist gut, ich bin froh, dass du außer uns jetzt noch etwas anderes hast.” Als ob mein Leben davor eine einzige inhaltlose Veranstaltung gewesen wäre. Als ob ich nicht schon vorher erfüllt gelebt hätte - romantische Beziehung hin oder her.
Als ich denselben Menschen schließlich erzählte, dass ich mich trennen werde, weil es für mich einfach nicht passt, waren die Reaktionen sehr spannend.
“Den perfekten Mann gibt es nicht, schlag dir das aus dem Kopf.”
“Du hast zu hohe Erwartungen.”
“Man muss schon Kompromisse machen können.”
Dabei hat nichts davon je eine Rolle gespielt. Man kann mir sicher genug vorwerfen (ich meine, ich bin ein Mensch), aber ich erwarte keine Perfektion - weder von anderen noch von mir. Im Gegenteil. Ich liebe es, wenn Menschen ihre Menschlichkeit annehmen und in Stärke verwandeln. Wenn sie ihre eigene Fehlbarkeit zur Verbündeten machen, statt die Angst vor dem Scheitern dominieren zu lassen. Was gibt es Inspirierenderes?
Die Beziehung hat es letztlich nicht über die Anfangsphase hinausgeschafft, aber ich habe in diesen Monaten mehr über die Haltung von Menschen zum Singlesein gelernt, als mir lieb ist.
In vielen von uns steckt nach wie vor die Überzeugung, ein Mensch ohne feste Partnerschaft sei in sich unvollständig.
Noch dazu sind wir wahnsinnig neugierig. Wir wollen den “Tea” am liebsten brühwarm serviert bekommen und wenn das nicht passiert, versuchen wir, ihn selbst zu organisieren. Ich war ehrlicherweise schon etwas erstaunt darüber, welche Ausmaße das annehmen kann.
Menschen, die sich plötzlich wieder melden, sobald sich etwas in deinem Privatleben verändert. Wenn der “Tea-Durst” die offensichtliche Hauptmotivation für die Wiederaufnahme des Kontakts darstellt und man spürt, dass das Gegenüber eigentlich lieber “Wen datest du?” statt “Wie geht’s dir?” fragen würde.
Ich will nicht auf meinen Beziehungsstatus reduziert werden.
Es triggert eine meiner größten Ängste: nicht mehr als eigenständiger Mensch wahrgenommen zu werden. Weder möchte ich zu 100% von anderen abhängig sein noch möchte ich, dass jemand seine komplette Identität von mir abhängig macht. Warum sind so viele davon überzeugt, dass Beziehung nur dann richtig gelebt wird, wenn man sich 24/7 textet und nichts mehr ohne den anderen unternimmt? Ich wurde bereits in der frühen Anfangsphase meiner Beziehung gefragt, warum ich denn ohne ihn abends wohin gehe. Vielleicht deshalb, weil eine gesunde Dynamik in meinen Augen bedeutet, dass ich trotzdem noch ich bleiben darf.
Ich mache gern Kompromisse, vorausgesetzt, die Basis stimmt.
Respektlosigkeit nicht zu tolerieren ist keine fehlende Kompromissbereitschaft meinerseits, es ist eine Grenze, die ich setze. Und über Grenzen diskutiere ich nicht mehr.
Wenn das zu hohe Erwartungen sind, dann bin ich ehrlich okay damit.
Als ich meiner Oma von der Trennung erzählte, sagte sie: “Du hattest das Gefühl, in einem Käfig gefangen zu sein. Dabei brauchst du wahrscheinlich jemanden, der die Tür immer offen lässt.”
Ich sah sie an und der Gedanke, der mir als Antwort kam, brachte sofort Klarheit.
Nein, Oma. Da dürfte gar kein Käfig stehen.
Schon gelesen?
Passend zum Thema ist letzte Woche ein Essay erschienen:
On Boundaries, Compromises, and the Art of Choosing Yourself
We’re told to put ourselves first. But taken too far, could that be exactly what’s keeping us from real connection?




