Im Zusammenhang mit zwischenmenschlichen Beziehungen gibt es mehr unterschiedliche Überzeugungen, als man überblicken kann – darunter auch solche, die die Entwicklung von funktionierenden Verbindungen eher blockieren als begünstigen.
Können wir gegen Dysfunktionalität „anlieben“? Und was braucht es außerdem, damit aus einer dysfunktionalen Verbindung eine funktionierende werden kann?
Was bedeutet „dysfunktional“?
Dysfunktionalität ist ein wissenschaftlicher Fachbegriff mit medizinischem Ursprung, der heute besonders im psychologischen Kontext Anwendung findet. Eine Beziehung gilt dann als dysfunktional, wenn die Dynamik zwischen den Beteiligten keine langfristige Stabilität zulässt. Unter dem Begriff ‚Beziehungen‘ sind hier nicht nur die romantischen gemeint, sondern auch familiäre und freundschaftliche.
Wie entstehen dysfunktionale Beziehungsmuster?
Dysfunktionalität ist ein zutiefst menschlicher Teil gemeinschaftlichen Zusammenlebens. Wir erlernen Verhaltensmuster primär unterbewusst und erhalten unsere Prägung durch die Art und Weise, wie uns Dinge vorgelebt wurden. Wir selbst fragen uns meist erst im Erwachsenenalter bewusster, wie wir denken, dass Beziehung eigentlich „geht“ – sobald wir selbst in der Situation sind.
Wenn wir Menschen kennenlernen und Verbindungen vertiefen, die einen echten Kern haben, kommen ganz automatisch Dinge aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche. Alte Glaubenssätze und Verhaltensmuster, Vorstellungen und Erwartungshaltungen ans Gegenüber, die wir gar nicht bewusst stellen, sondern verkörpern, weil wir das Produkt unserer eigenen Erfahrungen sind. Wir werden an die Dinge erinnert, die wir unter anderen Umständen gerne verdrängen. Aber: Entwicklungsbereitschaft ist es, die langfristig Stabilität schaffen kann.
Man heilt viele innere Wunden in Beziehung, nicht außerhalb. Und es sind gerade die Verbindungen, die uns auf besondere Weise berühren, die uns spürbar wachsen lassen.
Es gibt hier keinen Schuldigen.
Man kann derzeit beobachten, dass besonders der Begriff der „toxischen Beziehung“ annähernd inflationär in öffentlichen Beziehungsdiskursen verwendet wird. Und in vielen dieser Geschichten gibt es die klar zugeschriebene Rolle des Bösewichts, der die andere Person mit voller Intention schädigt, indem er sie demütigt, belügt, kontrolliert, manipuliert. In den dysfunktionalen Beziehungen des realen Lebens existiert dieser Bösewicht allerdings nicht, und es ist auch nicht prinzipiell einer immer schuld daran, dass es nicht funktioniert. Dysfunktionalität ist das Ergebnis von meist frühzeitig erlernten, selbstsabotierenden Verhaltensmustern, die uns eigentlich schützen sollen – und für die wir selbst noch keine bessere Lösung kennen. Häufig sind wir uns nicht einmal darüber bewusst, dass wir sie überhaupt haben.
Wenn die andere Person wollte, dann würde sie?
So einfach ist es meist nicht. Viele wollen schon, aber können nicht – oder wissen einfach noch nicht, wie. Prägung lässt sich weder von heute auf morgen verändern noch allein aus purer Willenskraft. Es braucht die entsprechenden Werkzeuge. Dieses besagte „wie“. Nicht nur die Wunschvorstellung, wie es irgendwann sein soll, sondern auch ein klares Bild von den konkreten Handlungen, die einen dorthin bringen. Dieser Weg führt häufig erst in die eigene Vergangenheit, wo der heutige Ist-Zustand seine Wurzeln hat. Und für diese Reise braucht es das geeignete Setting. Einen sicheren Rahmen, der sie ermöglicht. Und die Überwindung, sie anzutreten.
Wir sind formbar – Prägung hin, oder her.
Unser Denken mag zwar von unseren Erfahrungen geprägt sein, doch Menschen sind nicht statisch. Unser Gehirn ist in jedem Alter in der Lage, alte Verknüpfungen zu lösen und neue zu bilden (Stichwort: Neuroplastizität). Darunter fallen auch Ängste, Überzeugungen und andere Altlasten, die wir nicht länger mit uns herumtragen möchten. Das gilt ebenso für die Art und Weise, wie wir künftige Beziehungen führen wollen.
Liebe allein heilt keine Dysfunktionalität. Das kann sich wie eine bittere Wahrheit anfühlen, besonders dann, wenn man sich wirklich gewünscht hätte, dass die erhoffte Veränderung irgendwann eintritt. Dysfunktionale Muster werden häufig ja genau deshalb wiederholt, weil man nichts anderes kennt. Um Dysfunktionalität zu verstehen, ist es darum erforderlich, die eigenen, unbewussten Verhaltensmuster zu reflektieren. Und gerade, weil sie unbewusst sind, kann eine Auseinandersetzung in einem professionellen Rahmen ein Lichtblick sein. Mit einer unbeteiligten neutralen Person, die darauf spezialisiert ist. Unter anderem bieten psychologische Beratung oder Psychotherapie geeignete Rahmenbedingungen dafür, vorausgesetzt, man fühlt sich bereit dazu. Hier darf man auf die Unterstützung von erfahrenen Experten setzen und bei dem stetig wachsenden Angebot in der sogenannten Lifecoaching-Szene eher Vorsicht walten lassen. Die Berufsbezeichnung „Coach“ ist nicht geschützt und erfordert keine nachweisbare Qualifikation. Kunden sind darauf angewiesen, dass die entsprechenden Lebensberater ihre eigenen Kompetenzgrenzen realistisch einschätzen können und ihre Kunden an professionelle psychologische Beratungsstellen weiterverweisen, sollte deren Bedarf an Unterstützung größer sein – häufig unmöglich im Vorfeld überprüfbar und für den Menschen, der diese Leistung in Anspruch nimmt, im schlimmsten Fall eher schädigend als heilsam.
Wir können unsere eigenen blinden Flecken erst sehen, wenn uns jemand anders auf sie aufmerksam macht. Aus diesem Grund brauchen wir regelmäßig Perspektiven von außen, von Menschen, denen wir vertrauen.
Können wir also gegen Dysfunktionalität „anlieben“?
Liebe kann Motivation sein, eine große sogar – aber sie kann uns die Beziehungsarbeit nicht abnehmen. Nicht alle dysfunktionalen Beziehungen können ohne weiteres funktional werden und daran muss niemand zwingend ‚schuld‘ sein. Es ist häufig viel mehr eine Frage der inneren Bereitschaft, der Kapazität und der Zugangsmöglichkeit – nicht allein nur eine reine Willensfrage.
Auch wenn Prägung viel ausmacht, bestimmt sie nicht absolutistisch über den weiteren Verlauf unseres Lebens oder unsere Erfolgschancen auf stabile und erfüllende soziale Beziehungen.
Dysfunktionalität ist keine Sackgasse. Sie ist eine Chance.
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