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Stark genug, um loszulassen

Warum Hyper-Unabhängigkeit keine Autonomie ist | Monday Editions

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Helen Burkard
Nov. 02, 2026

Ich habe mich in einen Song verliebt, den ich gestern beim Spazierengehen zum ersten Mal gehört habe. Er hat mich zu der Frage gebracht:

Was passiert, wenn wir Hyper-Unabhängigkeit mit Stärke verwechseln?

Ich glaube, dass Hyper-Unabhängigkeit nicht die stärkste Form eines Menschen ist, sondern das, was wir freilegen, wenn wir sie hinter uns lassen.

Eine Frau lehnt lächelnd an der Schulter ihres Partners; Nahaufnahme.
Bild: Arina Krasnikova

Ich bin Helen und schreibe hier im WH Magazine über Autonomie und Handlungsfähigkeit. Mit einem kostenlosen oder bezahlten Abo bekommst du neue Texte künftig direkt in dein Email-Postfach:


Der Song heißt “Atlas” und stammt vom Folk-Künstler Vincent Lima. Er endet mit den zauberhaften Worten: “I’ll love you forever for letting me cry”, was die vorangegangene erzählte Beziehungsgeschichte zweier Menschen perfekt auf den Punkt bringt.

“Ich liebe dich für immer dafür, dass du mich weinen lässt.”

Dieser Satz hat mich wahrscheinlich deshalb so berührt, weil er genau das spiegelt, was Menschen ineinander suchen: emotionale Sicherheit.

Gar nicht so einfach zu finden in der aktuellen Zeit, während viele von uns so ungehemmt mit der Hyper-Unabhängigkeit flirten.


Hyper-Unabhängigkeit ist nicht dasselbe wie Autonomie.

Autonomie-Bewusstsein macht handlungsfähig. Ein hyper-unabhängiger Mensch macht tendenziell zu viele Dinge mit sich allein aus und steht sich möglicherweise dadurch öfter selbst im Weg.

Hyper-Unabhängigkeit kann man sich gut als einen verständlichen, eventuell nötigen Zwischenhalt vorstellen, an dem man seine Energiereserven auffüllt, aber vielleicht nicht unbedingt als Endstation. Dafür ist an dem Ort einfach zu wenig Bewegung möglich.

Hyper-Unabhängigkeit ist Schutzschild und Isolierschicht in einem.

Sie nimmt nicht nur jedes Risiko, sondern auch die Möglichkeit, überhaupt andere Erfahrungen zu sammeln. Sie dient als bewusste oder unbewusste Entschuldigung für den Abstand, den man zwischen sich und das Leben bringt, während es ungerührt an einem vorbeizieht.

Das Ende der Hyper-Unabhängigkeit bedeutet nicht automatisch Abhängigkeit - sondern in erster Linie Freiheit.

Das muss man als anfälliger Mensch erst mal in den Kopf bekommen. Nicht unbedingt einfach, ich weiß. Aber wie eingangs erwähnt glaube ich, dass die stärkste Version eines Menschen irgendwo hinter seiner Hyper-Unabhängigkeit liegt.


Wir haben es leichter denn je, uns miteinander zu verbinden - und tun es dennoch am liebsten nur auf der performativen Ebene.

In keiner anderen Epoche hatten es Menschen so leicht, sich zu begegnen - und in keiner anderen nutzen wir unsere endlosen Möglichkeiten so limitiert. Wir zeigen die Highlights, die ästhetischen Momente, und selbst die emotionalen Zusammenbrüche werden so aufbereitet, dass sie in den sorgfältig kuratierten Feed passen. Gefühle bleiben trotz aller vermeintlicher Bemühungen für “mehr Realität auf Social Media” häufig etwas, womit wir im echten Leben struggeln.

Warum eigentlich?

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