Clara Lösel, Hami Nguyen und die Frage nach Anteil- und Raumeinnahme in Rassismuserfahrungen
Wie man ungewollt rassistische Narrative reproduziert. | Attitude Stories
Clara Lösel (@claraloesel), erfolgreiche deutsche Poesiekünstlerin mit einer Instagram-Reichweite von über 300 Tausend Menschen, ist bekannt für ihre sanfte Stimme, mit der sie die selbstgeschriebenen Texte in ihren Videos vorträgt. Mit genau dieser Stimme liest sie auch den Text im Video vom 1. August, den sie mit der Anrede „An Alle Ausländer:innen“ beginnt.
Hami Nguyen (@hamidala_), Buchautorin und Aktivistin insbesondere zum Thema anti-asiatischer Rassismus, reagiert am 12. August auf dieses Video mit einer eigenen Version – einer Mischung aus Parodie und politischer Aufklärung.
Während dieser Austausch nun schon einige Wochen her ist, ist die Problematik brandaktuell und immer wiederkehrend. Wir finden zwei Menschen, die politisch grundsätzlich ähnlich ausgerichtet sind und für die Beseitigung von Ungleichheit stehen, nur ist eine davon am privilegierten Ende der Machtstruktur und die andere selbst Teil einer marginalisierten, also strukturell benachteiligten Gruppe.
Nachtrag Juli 2026: Mittlerweile sind sowohl das Originalvideo von Lösel als auch das Reaktionsvideo von Nguyen offline genommen und nicht mehr einsehbar. Was jedoch noch auffindbar ist, ist Nguyens Folgepost mit einer Einordnung hinsichtlich ihrer Reaktion:
Lösel hat mittlerweile über 500 Tausend Follower:innen. Ich habe auf ihrer Instagramseite keinen Hinweis mehr auf die zurückliegende Debatte gefunden, auch keine erkennbare Stellungnahme.
Das Originalvideo: Lösel tun die ‘Ausländer:innen’ leid
In der Beitragsbeschreibung des Videos schreibt sie, wie schwer ihr dieses Video gefallen ist und wie ungern sie sich politisch äußere, aus Angst, etwas „falsch“ zu formulieren und vor den Reaktionen. Sie sagt auch: „Ich finde, politisches ist privat!“. Dennoch liege ihr das Thema so am Herzen, weshalb sie sich jetzt einfach getraut habe.
Clara arbeitet in ihrem Text mit den Kategorien „deutsch“ und „nicht deutsch“, erklärt, noch nie über ihre „nicht deutschen“ Freunde anders gedacht zu haben als über ihre „deutschen“ Freunde und beschreibt mit Tränen in den Augen, dass es ihr unglaublich leid tut, wie Deutsche mit Ausländer:innen umgehen. Und besonders wichtig ist es ihr zu sagen: „Wir sind nicht alle so“. Ja wie denn eigentlich? Und macht es das für die Betroffenen besser? Worum geht es hier eigentlich – Anteilnahme oder Raumeinnahme?
Alles in allem gefasst vermittelt das Video ein, wie ich empfinde, eher verworrenes Bild eines irgendwie-aber-auch-nicht-wirklich definierten (Nicht-) Deutschseins, lässt Farben verwischen und unterm Strich gesagt kommt niemand darin besonders gut weg – weder Clara, noch „die Deutschen“ (wer auch immer „deutsch“ ist), noch „alle Ausländer:innen“ (wer auch immer die sind).
Lösels fehlende Kritikfähigkeit
Hami Nguyen ordnet Lösels Video folgendermaßen ein:
„Es pauschalisiert Ausländer:innen, tut so, als hätten wir alle gleiche Erfahrungen, signalisiert Farbenblindheit, die strukturelle Unterschiede und Machtdynamiken komplett unsichtbar machen, und am Ende geht es eigentlich nur darum, ihr Buch zu bewerben, ohne wirklich Verantwortung zu übernehmen und aktiv zu werden.“
In den Kommentaren darunter geht die Geschichte weiter. Clara äußert sich, bringt zum Ausdruck, dass sie sich gern ein Gespräch unter vier Augen gewünscht hätte. Sie erklärt, dass die parodistische Spiegelung ihres Videos sie sehr verletzt hat, dass sie ihr Bestes tut und im thematischen Kontext noch einiges lernen muss. Sie wisse nicht, ob Hami und andere sich vorstellen können, wie viel Hass sie von Seiten der AfD einstecken muss, wenn sie sich so äußert. Sie mache es aber trotzdem, weil sie ihr Bestes geben will. Darunter findet sich ein Kommentar von Buchautorin Tara-Louise Wittwer (auf Instagram bekannt unter @wastarasagt), die Clara ans Herz legt, die Kritik anzunehmen. Sie schreibt: „[….] ehrlich gesagt glaube ich schon, dass Menschen, die Rassismus erfahren, sich vorstellen können, wie viel Hass du einsteckst von der AfD… das war ja der Punkt deines ganzen Videos eigentlich. Bitte nimm die Kritik an, es ist okay, danebenzugreifen. Hab ich doch auch schon ganz oft gemacht und daraus gelernt und das tat auch weh. Wachstum tut meist weh.“
Die Problematik, die sich in Claras Video zeigt, ist sehr vielschichtig. Begonnen damit, dass sie „alle Ausländer:innen“ als Einheit anspricht, suggeriert, wie Hami sagt, dass Menschen mit Migrationshintergrund allesamt dieselben Alltagserfahrungen machen – was weit weg von der Realität ist.
Dass Clara dann am Ende dieses Videos ihr Buch promotet, schafft eine unvorteilhafte Kombination aus unglücklich gewählten Aussagen, visueller Inszenierung und wirtschaftlichem Interesse, die von ihrer ursprünglich sicherlich gut gemeinten Intention der Anteilnahme am Leid von Personen mit Migrationshintergrund, die im deutschen Alltag Diskriminierung erleben, nicht mehr ganz so viel übrig lässt.
Man könnte jetzt weitergehen und den Originaltext Satz um Satz zerpflücken, aber das wird hier nicht passieren. Viel eher möchte ich mich hier auf die Frage konzentrieren, welche Art der Raumeinnahme und Anteilnahme von weißer, privilegierter Seite angemessen ist, wenn es um Leid geht, welches wir unter anderem durch unser fehlendes Bewusstsein für die herrschenden Machtstrukturen mitverursachen.
Nicht jede Art der Anteilnahme ist angebracht. Manchmal besetzt man damit Räume, die einem nicht gehören.
Poesie und Texte schreiben dient vielen als Ventil – eine mögliche Art, Emotionen zu verarbeiten. Das steht jedem zu. Wenn es hinterher um die Frage geht, was mache ich damit und in welchem Kontext lasse ich diesen Text auf die Welt los, kommen Dinge wie Verantwortungs- und Privilegienbewusstsein hinzu – besonders mit einer Reichweite von mehreren hunderttausend Menschen.
Statt als privilegierte Person Raum einzunehmen, den man vielleicht nicht einmal auf diese Weise einnehmen möchte oder kann, kann man diesen Raum stattdessen beispielsweise für die Menschen mit der entsprechenden Expertise zur Verfügung stellen, wie es Clara selbst in anderen Kontexten schon getan hat.
Ein bekanntes Beispiel zweier privilegierter Personen, die ihren Bekanntheitsgrad und die damit verbundene öffentliche Reichweite genau dafür genutzt haben, sind die Entertainment-Größen Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, dessen ursprüngliche Instagram-Kanäle seit 2022 von den iranischen Aktivistinnen Sarah Ramani und Azam Jangravi gehostet werden und fortlaufend der Berichterstattung über die Vorgänge rund um den Iran dienen.
Muss jetzt deshalb jeder privilegierte Mensch die eigene Reichweite auf Lebenszeit abgeben, damit Solidarität als solche anerkannt wird? Nein. Es geht immer um die Art und Weise, wie – und wer dabei im Vordergrund steht.
Es gibt viele Wege, Empathie zu zeigen und Anteilnahme, nur eben auch die damit verbundene Verantwortung – besonders dann, wenn wir Teil der Ursache sind. Wir Privilegierten laufen gern Gefahr, vor lauter eigenem Weltschmerz zu übersehen, dass wir dadurch die Stimmen der eigentlichen Betroffenen überhören oder verzerren, ohne es zu wollen. Und genau darum geht es. Augenhöhe schaffen und dabei vielleicht manchmal lieber einen Schritt zur Seite machen, um jemandem das Mikrofon zu überlassen, der das, was uns im Vorbeigehen schmerzt, jeden einzelnen Tag durchlebt.
Zuhören. Lernen. Wachsen. Jeder, wie er kann. Alle, weil wir müssen.
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