Die wahre Heimat der Gewalt
Was im Dunkeln liegt, kann nach Belieben verzerrt werden. | Attitude Stories
Wenn es um die Darstellung von Gewalt und ihrer Ursprünge geht, zirkulieren wir gern um dieselben, vorurteilsbehafteten Narrative. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Fehlende Sichtbarkeit durch hohe Dunkelziffern und Statistiken, die für eine willkürliche oder unwillkürliche Verzerrung von Menschenbildern sorgen, spielen hier eine große Rolle. Wir werden im Laufe dieses Textes versuchen, eine Antwort auf die Frage zu finden, wo Gewalt wirklich beheimatet ist und wie wir ihr entgegenwirken können, ohne in Unfairness und Pauschalisierung zurückzufallen.
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In diesem Artikel
Das Problem mit Gewaltstatistiken
Stichwort TVBZ
Gewalt ist unter dem eigenen Dach zuhause
Fazit
Das Problem mit Gewaltstatistiken
Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) bildet in sich kein faires Bild ab, weil sie es schlichtweg nicht kann. Es fehlt die Dunkelziffer der nicht angezeigten Gewalttaten, die nur näherungsweise geschätzt werden können – und wie diese Schätzung ausfällt, kann je nach Zweck variieren. Von welcher Dunkelziffer in welcher Höhe gesprochen wird, kann auch damit zusammenhängen, welche Werte und Überzeugungen man weitervermitteln möchte. Statistiken und Dunkelziffern werden nicht selten als rhetorische Mittel eingesetzt, um die eigene Argumentation zu unterstreichen.
Was im Dunkeln liegt, kann nach Belieben verzerrt werden. Was wir dabei nicht aus den Augen verlieren dürfen, ist die Tatsache, dass wir nicht wissen können, was nirgendwo auftaucht.
Dieses Bewusstsein bestimmt, wie wir statistische Zahlen interpretieren und vor allen Dingen, wie viel Macht wir ihnen geben, wenn es darum geht, pauschal über gesellschaftliche Gruppierungen zu urteilen. Gerade in unserer gesellschaftlich-globalisierten Welt herrscht eine Vielschichtigkeit, die sich in keiner Statistik auch nur annähernd repräsentativ genug darstellen lässt.
Stichwort TVBZ
Die in der polizeilichen Kriminalstatistik aufgeführten Tatverdächtigenbelastungszahlen (TVBZ = ansässige Tatverdächtige pro 100.000 Menschen) sind ein geeignetes Beispiel. Diese werden in ihre jeweilige Bevölkerungsgruppe hochgerechnet. In Deutschland leben mehr deutsche als nichtdeutsche Staatsangehörige, was dazu führt, dass die TVBZ bei deutschen Staatsangehörigen niedriger ausfällt als die bei nichtdeutschen (zu dieser Kategorie werden im Übrigen alle Menschen ohne deutschen Pass hinzugerechnet, auch tatverdächtige Reisende, die nicht in Deutschland ansässig sind.) Damit liegt zwar der prozentuelle Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger innerhalb ihrer Gruppierung höher als es bei den deutschen Tatverdächtigen im Verhältnis der Fall ist, aber in absoluten Zahlen gab es insgesamt mehr verzeichnete deutsche als nichtdeutsche Tatverdächtige in Gewaltdelikten.
Der polizeikriminalstatistische BKA-Bericht von 2024 unterstreicht das. Hier werden absolute Zahlen der Tatverdächtigen aufgeführt, keine statistischen Hochrechnungen. Und sie zeigen deutlich, dass Gewalt ein kollektives Problem ist, das nicht per se einer einzigen Bevölkerungsgruppe zugeschrieben werden kann. 2024 waren von den knapp 200.000 registrierten Tatverdächtigen in Gewaltdelikten über die Hälfte deutsche Staatsangehörige. Von den nichtdeutschen Tatverdächtigen fällt wiederum etwa ein Drittel auf die Gruppe der Zuwanderinnen und Zuwanderer. Die vorurteilsbehaftete Annahme, Gewalt sei ein in nichtdeutschen Kulturen zu verortendes Problem, ist also beweisbar falsch. Sie ist als struktureller Bestandteil tief verankert in unserer Gesellschaft.
Gewalt ist unter dem eigenen Dach zuhause
Die Zahlen zu Eingriffen in die sexuelle Selbstbestimmung machen einen bedeutenden Anteil der Gewaltdelikte aus, die unsere Gesellschaft prägen. Sie sind unglaublich eng verwoben mit unserer Gesellschaftsstruktur, werden von vielen Aspekten beeinflusst und geben auch hier kein wahrheitsgetreues Bild ab, nur Bruchstücke. Beim Großteil der verzeichneten Fälle sexueller Gewalt kennen die Betroffenen die Täter, nicht selten lebt man unter demselben Dach oder unterliegt als betroffener Mensch einem Machtverhältnis mit dieser Person. Solche Umstände erschweren es, Strafanzeige zu erstellen und somit kommt es in vielen Fällen gar nicht erst dazu.
Stigmatisierung von Gewalt bewirkt unter anderem auch, dass weniger Männer den Schritt gehen, ihre (Ex-) Partnerin anzuzeigen, wenn sie die Betroffenen von sexueller oder häuslicher Gewalt sind oder waren. Wir wissen zu wenig über die Dunkelziffern, aber wir dürfen uns bewusst machen, dass auch diese Dinge in der Realität eine größere Rolle spielen, als es aus Statistiken erkennbar wird.
Fazit
Welche Bilder wir mit unserer Sprache reaktivieren, wird auf lange Sicht bestimmen, in welche Richtung wir uns als Gesellschaft entwickeln. Es braucht mehr denn je bewusste Begegnungen auf Augenhöhe, einen respektvollen Umgang mit den gegenseitigen Alltagserfahrungen und den gemeinsamen Entschluss für ein lösungsorientiertes Handeln, das die soziale Sicherheit in unserer Gesellschaft stärkt.
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Quellen:
PKS Bundeskriminalamt, 2024, IMK-Bericht, Version 5.0, dl-de/by-2-0 (Lizenztext unter www.govdata.de/dl-de/by-2-0 ), Datensatz:
PKS Bundeskriminalamt, 2024, dl-de/by-2-0 (Lizenztext unter www.govdata.de/dlde/by-2-0 ), Bevölkerungsdaten jeweils auf Basis Zensus 2022, T40 TVBZ (V2.0) und T50 TVBZ (V.1.0), Datensatz:





