Als Kind habe ich die Geschichte von Peter Pan geliebt. Wie toll, für immer Kind bleiben zu können, dachte ich damals. Mit Wendys Entscheidung, lieber erwachsen zu werden, konnte ich zu der Zeit nicht viel anfangen. Allein schon deshalb, weil ich dieses Heirats- und Familiengedöns ziemlich langweilig fand verglichen mit all den Abenteuern Abenteuern, die sie in Nimmerland hätte erleben können.
Dieser Aspekt sich so gesehen nicht groß verändert, merke ich gerade, aber etwas anderes dafür sehr wohl: die Vorstellung, für immer Kind zu sein, hat für mich schnell ihren Reiz verloren.
Ich bin Helen und schreibe hier im WH Magazine über Autonomie und Handlungsfähigkeit. Mit einem kostenlosen oder bezahlten Abo bekommst du neue Texte künftig direkt in dein Email-Postfach:
Gut, man kann Peter Pans Leben kaum mit dem eines Kindes vergleichen, das Nimmerland nur aus Büchern kennt. Wenn man seines haben könnte, sähe die Sache vielleicht anders aus. Was bedeutet es aber, in der Realität Kind zu bleiben?
Als ich noch in der Schule war, gab’s diesen einen bestimmten Satz von Erwachsenen, den ich schon damals super ätzend fand:
“Jetzt ist die schönste Zeit deines Lebens. Genieß sie, bevor der Ernst des Lebens losgeht.”
Was suggeriert man Kindern, wenn man so daherredet? Dass es nach der Schule nur noch bergab geht?
Eine überraschend gängige Haltung, wie ich immer wieder feststelle.
Dieser Satz ist nur so unglaublich kurzsichtig - vor allem, wenn man ihn aus Versehen zu jungen Menschen sagt, die eine schwierige Schulzeit durchleben. Wenn man so einem Kind immer wieder mit Nachdruck sagt, dass es jetzt gerade die beste Zeit seines Lebens erlebt, kann man sich den Rest denken. Macht nicht gerade Bock auf das, was danach kommt. Und dann wundert man sich am besten noch über das Ergebnis.
Wer ist also dieser ‘Ernst’, von dem die Erwachsenen sprechen und warum finden die ihn so blöd?
Ich bin jetzt in meinem sechsten “Erwachsenenjahr”, wenn man so will, und kann bis jetzt folgendes festhalten: diesen “Ernst”, von dem manche Erwachsene früher so negativ gesprochen haben, finde ich eigentlich ziemlich toll. Ja, klar, man hat mit ihm mehr Verpflichtungen - aber man ist auch frei auf eine Weise, wie man es als Kind oder Teenager nie war.
Selbst die Teenagerzeit wird im Nachhinein gern romantisiert, aber ich glaube ehrlich gesagt, dass wir da im Nachhinein ganz schön viel durcheinandermischen. So ähnlich wie beim Festivalbesuch, der sich währenddessen anfühlt wie das pure Überlebenscamp, hinterher aber ausschließlich positiv in unserer Erinnerung weiterlebt, wenn wir uns später die Bilder und Videos dazu anschauen. Mit der Jugend ist das ähnlich - und je länger diese Zeit zurückliegt, desto stärker verliert die Erinnerung ihren Realitätsbezug.
Dieses Freiheitsgefühl, das man als Erwachsener gern mit den Erinnerungen ans Jungsein verbindet, ist also möglicherweise mehr eine projizierte Sehnsucht nach Ungebundenheit und weniger Verpflichtungen.
Der ‘Ernst des Lebens’ ist eigentlich ganz schön großartig.
Mit jedem Stückchen Lebenserfahrung wird man sicherer in dem, was man will und steht stabiler auf seinen Füßen. Und Grenzen setzen passiert plötzlich einfach wie von selbst - ohne schlechtes Gewissen und ohne, dass man es vorher hundert mal hinterfragt.
Die Zwanziger fühlen sich ein bisschen so an, als würde man nochmal das Autofahren lernen, nur diesmal aufs Leben als Ganzes bezogen.
Man bringt ständig die Gänge durcheinander, es ruckelt, man würgt den Motor ein paar Mal ab und schafft es aber hinterher immer, das Gefährt wieder zum Laufen zu bringen. Man hat am Anfang vielleicht Angst, aber die verliert sich immer mehr mit jedem Kilometer, den man Strecke macht.
Multitasking wird normal und man denkt nicht mehr großartig darüber nach, während man seine Ziele ansteuert. Man fährt einfach.
Ganz ehrlich? Ich bin ziemlich froh, dass ich kein blutiger Fahranfänger mehr bin und würde auch kein zweites Mal mehr 16 sein wollen.
Unsicher, naiv, irgendwie erwachsen, aber noch keine Ahnung vom Erwachsensein. Beeinflussbar, ängstlich, verkrampft perfektionistisch. People-Pleaser. Irgendwas zwischen Wendy und Peter Pan.
Das übertriebene Romantisieren dieser Lebensphase passiert ja auch in Büchern und Filmen ganz häufig. Wenn dein Zielpublikum in einem ähnlichen Alter ist, kann ich’s ja verstehen. Aber ich glaube, mir hätte es mit 16 auch ganz gutgetan, zwischendrin öfter die Perspektive einer Mitte-Zwanzigjährigen gezeigt zu bekommen.
Als Kind konnte ich nicht verstehen, dass Wendy Nimmerland freiwillig verlassen hat. Heute würde ich für kein Geld der Welt dort bleiben.
Mit Mitte 20 hat man garantiert noch nicht den Dreh raus, aber ich glaube, dass man möglicherweise schon die wichtigsten Kernfragen für sich und sein Leben geklärt hat.
Dank der ersten größeren Fehlentscheidungen und Fehlgriffe, die eben zur Trial-Periode des Erwachsenseins gehören.
Man vergreift sich im Ton, der Ausbildung, im Studienfach oder der Person, die man datet - gehört alles irgendwo dazu, wenn du mich fragst. Schlimmer wär’s doch, man geht nie Risiken ein und ist Jahre später immer noch gleich planlos wie am Anfang.
Nimmerland gibt es in der Realität zwar keines, aber dafür genug Menschen mit Peter-Pan-Syndrom. Und das ist alles andere als niedlich.
Deshalb würde ich auch meiner 16-jährigen Version sagen, dass sie doch bitte ein paar Mal öfter tief durchatmen soll.
Dass sie nicht immer aufs erste Mal richtig entscheiden wird, aber aus jedem Fehler die richtigen Schlüsse ziehen wird, um ihn nie zu wiederholen. Dass ihre Freunde der beste Spiegel dafür sind, wie sie als Mensch durch die Welt geht und nicht die Meinung einzelner verbitterter Leute, die immer etwas an ihr auszusetzen haben und dabei selbst kein Bein auf die Erde bekommen.
Dass sie verdammt noch mal was durchmachen wird, aber dabei Dinge lernen wird, die sie weiter bringen werden als manches Diplom. Dass es ihr irgendwann egal sein wird, wie ihr Lebenslauf aussieht und dass sie eines Tages wissen wird, wie es sich anfühlt, wirklich stolz darauf zu sein, wer man ist.
Der ‘Ernst des Lebens’ ist kein unangenehmer Bekannter, sondern mein bester Freund.
Er tut mehr für mich als jede unbedarfte, naive, unsichere Minute, bevor ich ihn kennengelernt habe. Weil man als junger Mensch immer ein Stück weit den äußeren Umständen ausgeliefert bleibt und weil echte Autonomie das größte Geschenk der Welt ist. Wenn dazu ein paar unbequeme Erwachsenenaufgaben gehören, ist das für mich mehr als okay. I couldn’t care less.
Erwachsensein ist für mich keine Bürde, sondern der Ort, an dem wir zum ersten Mal die Möglichkeit haben, unsere Vorstellungen Wirklichkeit werden zu lassen.
Ich möchte nicht, dass wir Kindern Angst vor dem Erwachsensein machen, weil wir uns in anstrengenden Zeiten an eine vermeintlich unbeschwerte Phase zurückerinnern wollen, die für viele von uns in Wahrheit gar nicht unbeschwert war. Wir haben’s oft nur vergessen und der Relation wegen könnte es nicht schaden, unser Gedächtnis ein bisschen aufzufrischen.
Ist schon okay, dass wir jetzt erwachsen sind. Ich wäre immer lieber Wendy als Peter Pan. Vor allem, wenn man sich den Preis vor Augen führt, den es kostet, Peter zu bleiben.
Und für alle Wendys: den Preis den es kostet, Peter zu lieben.
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Kaufe, Manifestiere, Verliere
Ich habe heute endlich verstanden, was mich an der neo-spirituellen Bubble so wütend macht: sie schafft das genaue Gegenteil von Autonomie, nämlich Abhängigkeit.




