Ich habe heute endlich verstanden, was mich an der neo-spirituellen Bubble so wütend macht: sie schafft das genaue Gegenteil von Autonomie, nämlich Abhängigkeit.
Damit steht sie im Widerspruch zu dem, was dieses Magazin verkörpern soll und worüber ich hier Woche für Woche schreibe.
Versteh mich nicht falsch, ich freue mich sehr darüber, dass wir schon seit anderthalb Jahren hier gemeinsam in die neue Woche starten. Und ich habe wirklich nicht vor, bald mit dem Schreiben aufzuhören. Aber mein Ziel ist nicht, dass dein Leben auseinanderfällt, sollte ich es irgendwann doch tun. Diese Vorstellung finde ich ehrlich gesagt ziemlich gruselig.
Ich bin Helen und schreibe hier im WH Magazine über Autonomie und Handlungsfähigkeit. Mit einem kostenlosen oder bezahlten Abo bekommst du neue Texte künftig direkt in dein Email-Postfach:
Was man dagegen bei vielen Teilen der neo-spirituellen Bubble beobachten kann: Menschen hangeln sich von Online-Kurs zu Online-Kurs, bezahlen immer höhere Summen für immer mehr Schein-Exklusivität und nennen es spirituelles Erwachen. Sie binden ihre Alltagsroutine an die Vorgaben ihrer erwählten Gurus und nennen es Freiheit.
Was die vermittelten Inhalte angeht, vermischt sich bei einem Großteil der Programme der Einsatz von wissenschaftlich wirksamen Tools mit marketingstrategischer Neubekleidung und etwas spirituellem Feenstaub. Wirksam ist also nicht per se die Geschichte drumherum, sondern die spezifische Methode, die genauso auch ohne den ganzen Schnickschnack funktionieren würde.
Ich sage nicht, dass Spiritualität an sich etwas Verwerfliches ist - im Gegenteil. Verwerflich finde ich es eher dann, wenn man den Begriff zu stark mit kommerziellem Interesse in Verbindung bringt - weil sich dort die verschiedenen Motive nicht mehr klar voneinander trennen lassen. Und ehe man sich’s versieht, hängt man selber mittendrin und sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.
Die Einstellung zu Geld ist für mich mit die Interessanteste im gesamten neo-spirituellen Kosmos.
In Podcastfolge 583 eines bekannten deutschen Unternehmens für moderne Spiritualität wird von inneren Blockaden gesprochen, die man überwinden muss, um finanzielle Fülle zu finden. Als läge es daran, dass man sich selbst den etwaigen finanziellen Erfolg nicht gönnt oder nicht zutraut.
Die Scheinlogik rund um diese Form des “Money Mindsets” steckt allerdings voller Widersprüche. Eine kurze Zusammenfassung einiger vermittelter Inhalte:
1. Der Geld-Moral-Zirkelschluss
Gehört zu einem besseren Money Mindset auch, dass ich mit dem manifestierten Geld auch Gutes tue? Laut Podcast nicht:
Wenn man innerlich dazu steht, dass man mehr Geld haben möchte, könne Scham hochkommen, weil man sich möglicherweise “unspirituell” vorkommt;
Scham weise einen darauf hin, dass etwas gegen unser “höchstes Selbst” ist;
Gleichzeitig sei es aber völlig okay, aus rein egoistischen Gründen mehr Geld haben zu wollen, ohne Intention, damit die Welt zu verändern.
Unterm Strich lande ich also immer bei derselben Aussage: selbst, wenn ich mehr Geld hätte als jeder andere Mensch (und damit mehr Macht), hätte ich damit nicht automatisch mehr gesellschaftliche Verantwortung.
Diese Haltung ist meiner Meinung nach mit einer der Gründe dafür, warum unsere Systeme sind, wie sie sind.
2. Geld sei nur Energie, die jeder gleich stark oder gleich wenig nutzen kann
Der nächste Schritt zur Entkopplung von der Realität: Geld sei eine Form der Energie, die durch unser aller Leben fließt und die wir durch unsere eigenen Überzeugungen entweder anziehen oder wegdrücken.
Dass diese Haltung das herrschende strukturelle Ungleichgewicht einfach wegradiert und die kollektive Verantwortung ohne jegliche Differenzierung gleichmäßig auf die Schultern unterschiedlich privilegierter Menschen packt, scheint in dieser Bubble nicht zu stören.
3. Geld nehme die Farbe deines Charakters an
Das war ein Gedanke, den ich tatsächlich ganz gut fand. Im selben Abschnitt wird dann allerdings eine weitere Aussage getätigt: es gebe verdammt gute arme und reiche Menschen, genauso wie arme und reiche Menschen, die keine guten Menschen sind. Im darauffolgenden Satz wird dann wiederum behauptet, dass die Energie, die ein Mensch hat, das Geld potenziert (oder eben auch nicht).
Wie kann dann aber nach dieser Logik ein armer, “verdammt guter” Mensch trotzdem arm sein? Widerspricht sich das nicht ein bisschen?
4. Täter-Opfer-Umkehr bei Kritik an Superreichen
Man solle nicht denken, dass “Menschen mit viel Geld böse sind”, weil man dadurch sinngemäß seine eigene negative Einstellung zu Geld auf sie projiziere.
Wenn ich aber nicht denken darf, dass “Menschen mit viel Geld böse sind”, macht das aus einer validen Systemkritik an Superreichen (Steuerflucht, CO2-Fußabdruck von Superreichen, Machtkonzentration) eine persönliche Mindset-Blockade: also mein Problem, obwohl ich gar nicht der Superreiche bin, der sie verursacht. Damit werden sie dieser Logik nach praktisch unantastbar, geschützt vom neo-spirituellen Deckmantel.
Im Podcast wird durchgehend von einer “Geldangst” gesprochen, die man loslassen soll. Für mich ist es aber keine Geldangst, die hier losgelassen wird, sondern in erster Linie moralisches Feingefühl und gesellschaftliche Verantwortung.
Neo-Spiritualität hält Händchen mit dem Kapitalismus
Ein weiteres Anschauungsbeispiel aus der Realität: Eine 10-monatige Ausbildung zum Spiritual Life Coach im selben Kosmos kostet sage und schreibe 6.290 €.
Über den firmeneigenen spirituellen Coach-Finder habe ich herausgefunden, dass allein in Deutschland Stand heute 162 Coaches mit dieser Zertifizierung gelistet sind. Weitere 26 in der Schweiz, 4 in Österreich und eine in Spanien. Prüfung und Zertifizierung erfolgen natürlich institutsintern.
Gesamtumsatz allein hierfür: 1,21 Millionen Euro.
Wenn ein Mensch viel Geld hat, schafft er noch viel mehr Fülle für alle anderen?
Kennen wir ja aus der Realität, oder warte…? Bei so vielen Milliardären und Billionären, wie es auf der Welt gibt, müssten dieser Logik nach ja schon längst alle Probleme gelöst sein.
Viel Geld schafft in erster Linie viel Fülle für mich. Und in der neo-spirituellen Szene kreist man ohnehin so stark um sein eigenes Ego, dass es einem schnell so vorkommen kann, als würde man mit seinem persönlichen Glück auch automatisch die ganze Welt ein Stück besser machen. Dem ist aber nicht unbedingt so.
Wenn besser machen miteinschließt, soziale Ausbeutung und strukturelle Ungerechtigkeiten aktiv anzugehen (oder im ersten Schritt wenigstens mitzudenken), dann findet sich hier eine klare Schwachstelle.
Welche Gedanken werden da eigentlich wirklich verbreitet?
Aus meiner Sicht besteht die heilige Dreifaltigkeit des Neo-Spiritualismus aus toxischer Positivität, übertriebenem Individualismus und fehlendem Systembewusstsein.
Man verbreitet eine Denkweise, die die Systemverantwortung außen vor lässt und den Einzelnen für sein Glück (oder Versagen) verantwortlich macht. Dass aber nicht jeder Mensch einfach so sein Leben ändern kann, weil strukturelle Hürden ihm den Weg versperren, wird eigentlich nicht thematisiert.
Menschen kreisen im neo-spirituellen Kosmos häufig so sehr um sich selbst und lassen sich anstecken von dieser künstlich erzeugten Begeisterungswelle, dass valide Systemkritik in ihrem direkten Alltag keinen Platz mehr findet - obwohl genau sie die Mittel hätten, um für tatsächliche strukturelle Veränderung zu sorgen.
Damit in weiterer Folge realistischerweise auch das entstehen kann, was sie laut eigenen Angaben ja selber haben wollen: eine bessere Welt.
Weiterlesen
Wie man mit Systemen Schluss macht:
Zurück zur Ex?
Sicher haben einige von uns schon mal darüber nachgedacht, wie erleichternd es wäre, eine Zeit lang die Verantwortung für unser Leben an jemand anderen abzugeben. Was passiert aber, wenn wir es wirklich tun - und dann plötzlich merken, dass unser Mitspracherecht an unserem eigenen Leben komplett verschwunden ist?
Weil wir nicht immer in die Konfrontation gehen können, gibt es andere Wege, die uns weiterbringen:
Schweigen mit Stil
Wenn wir über strukturelle Veränderung nachdenken, sehen wir sie oft als Kampf. Als wären die herrschenden Zustände verschiedene Gegner, die es zu besiegen gilt. Manchmal reicht es aber auch, einfach nicht mitzumachen.
Warum es sich lohnt, sich diese Frage zu stellen:
Was, wenn wir keine Angst hätten?
Mein Bruder und ich teilen beide die Leidenschaft für Persönlichkeitsentwicklung. Bei unserem letzten Gespräch hat er etwas gesagt, was mich sehr zum Nachdenken gebracht hat. Eine einfache Frage, die er sich stellt, wenn er zweifelt - und die am Ende aber gar nicht unbedingt so einfach ist.







