Sicher haben einige von uns schon mal darüber nachgedacht, wie erleichternd es wäre, eine Zeit lang die Verantwortung für unser Leben an jemand anderen abzugeben.
Was passiert aber, wenn wir es wirklich tun - und dann plötzlich merken, dass unser Mitspracherecht an unserem eigenen Leben komplett verschwunden ist?
Es gibt Menschen, die es genau darauf anlegen - und es ist wichtig, dass wir das rechtzeitig erkennen.
Denn: ein System, das mit der Sündenbock-Strategie fährt, kann keine Augenhöhe ermöglichen.
Ich bin Helen und schreibe hier im WH Magazine über Autonomie und Handlungsfähigkeit. Mit einem kostenlosen oder bezahlten Abo bekommst du neue Texte künftig direkt in dein Email-Postfach:
Ich kann die Zukunftsangst und die Wut der Leute verstehen, die die AfD wählen. Gleichzeitig sind sie das beste Beispiel dafür, dass Emotionen blind machen, wenn man nicht aufpasst.
Was mir Angst macht, ist die Tatsache, dass Menschen nach wie vor lieber an eine Quick-Fix-Lüge glauben, statt an die komplexe Wirklichkeit. Ich weiß, dass sie schön ist: die Vorstellung, es gäbe einen klaren Schuldigen für unser kollektives Schlamassel. Aber so ist es nicht.
Was wir erleben, ist die natürliche Folge eines systemischen Prozesses. Zum Beispiel tragen demografische Veränderungen (Stichwort: Überalterung) dazu bei, dass ein System kollabiert - erst leise und unbemerkt und irgendwann so schnell und drastisch, dass es auch der Letzte mitbekommt. Nur suchen wir die Ursache dafür oft viel zu spät und am völlig falschen Ort.
Dass mehrere dieser tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen zur selben Zeit stattfinden, daran hat niemand ‘Schuld’. Es passiert einfach. Und weil es so komplex ist, gibt es keine einfache Lösung.
Heißt das, man kann gar nichts tun?
Eigentlich nicht.
Jeder Mensch, der schon mal ein Muster erfolgreich durchbrochen hat, weiß das.
Wir können uns ein dysfunktionales gesellschaftliches System aus privilegierter Sicht eigentlich vorstellen wie den toxischen Ex-Partner, von dem man unbedingt loskommen möchte, aber nicht so richtig weiß, wie.
Das Vertraute schafft Geborgenheit und aus Bequemlichkeit bleiben wir ein bisschen länger, als wir vielleicht sollten. Unterschwellig ahnen wir das. Wir ändern aber nichts, weil das Unbekannte noch viel gruseliger scheint als die vertraute, wenn auch unangenehme Ist-Situation.
Ich möchte mich weniger auf das Warum konzentrieren, sondern mehr auf die Handlungsmöglichkeiten, die wir hier und jetzt haben.
Kollektiv spürbar wird Veränderung dann, wenn genug Menschen sie auch nach außen hin verkörpern. Wenn wir rechtzeitig hinterfragen, sobald die angepriesene Lösung ein bisschen zu einfach wirkt, statt nur erleichtert zu sein, dass endlich jemand überzeugend genug sagt, wo’s langgeht (ob er nun Recht hat oder nicht).
“So kann’s nicht weitergehen” ist ein beliebter Satz, den man aus extremistischen Reihen oft hört. Warum man aber blindlings zurück in ein Mindset flieht, obwohl genau dieses uns heute noch folgenschwer auf die Gegenwart drückt, ist mir schleierhaft. Wäre ja nicht so, als hätte es damals irgendetwas besser gemacht. Warum zum Geier sollte es das also heute?
Ich glaube, dass viele Menschen einfach die Angst überkommt, wenn sie merken, dass ein gewohntes System nicht mehr funktioniert und sie die Kontrolle darüber verlieren.
Das verstehe ich. Ist ja auch scheiße. Hat sich keiner gezielt so ausgesucht. Nur kann die Lösung nicht darin bestehen, die eigene Handlungsmacht und Autonomie willkürlich aufs Spiel zu setzen und gegen eine vorgegaukelte Sicherheit einzutauschen, die es in Wahrheit einfach nicht gibt - egal, wie sehr sie einem versprochen wird.
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Stoic Rage
“Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.”
Der Teil mit dem Ändern war nie wirklich mein Problem. Das Hinnehmen dagegen schon. Was ich aber mittlerweile begriffen habe: indem ich lerne, die Unveränderbarkeit mancher Dinge zu akzeptieren, werde ich erst richtig handlungsfähig.





