Abtauchen, ausatmen, loslassen
Warum wir durch körperliche Herausforderungen zu ruhigeren Menschen werden. | Monday Editions
Ich habe das letzte Wochenende beinahe komplett unter Wasser verbracht. Nach einem Jahr kann ich sagen: von allen Sportarten ist Tauchen sicher das Schwerste, was ich je gemacht habe. Und gleichzeitig gibt es wahrscheinlich kein besseres Mentaltraining.
Du willst nur Monday Editions zugeschickt bekommen, aber keine anderen Themenbereiche - oder umgekehrt?
Kein Problem: in deinem Leserprofil auf der Magazinwebsite kannst du unter “Abonnement verwalten” deine Newsletter-Einstellungen schnell und einfach personalisieren. So landen künftig nur die Texte in deinem Postfach, die du auch wirklich lesen möchtest.
Ich habe zehn Jahre lang auf galoppierenden Pferden herumgeturnt, war früher Springreiterin, bin fortgeschrittene Surfanfängerin und bouldere seit anderthalb Jahren regelmäßig.
Und während jede dieser Sportarten sicher ihre eigenen Herausforderungen bietet, findet mein Kopf nichts davon auch nur annähernd so gruselig, wie mit einer 10-Liter-Sauerstoffflasche auf dem Rücken, acht Kilo Blei in den Taschen und Neopren-Vollmontur in einen dunklen See zu springen.
Dieses Wochenende hatten wir bei See Nummer 1 eine unglaublich schlechte Sicht. Es war so viel Dreck aufgewirbelt, dass man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Und ich habe festgestellt: kaum etwas fordert mir mehr ab als die Situation, wenn ich nur anhand meines Tauchcomputers, der Kälte von unten und dem Licht von oben einschätzen kann, wo ich mich gerade befinde und die angeknipste Taschenlampe bei der Orientierung ungefähr so viel bringt wie ein Autoscheinwerfer im Nebel (also gar nichts). Währenddessen blieb mein Kopf blieb hartnäckig bei einer Frage: Warum tun wir uns das hier an?
Am zweiten Tag sind wir zu einem anderen See gefahren und hatten bei unseren Tauchgängen dort zum Glück eine etwas bessere Sicht. Ich konnte kleine Schwärme beobachten und hatte ein niedliches Erlebnis mit einem größeren Fisch, der uns mindestens genauso interessant fand wie wir ihn. Damit wurde dann auch die Frage vom Vortag beantwortet: weil es wahrscheinlich nichts Vergleichbares gibt wie das Gefühl, einen Moment lang Teil einer völlig anderen Welt zu sein.
Beim Tauchen zählt jeder Atemzug.
Erfahrene Taucher können nur mithilfe ihrer Lunge und bewusster Atmung steuern, ob sie tiefer sinken oder aufsteigen wollen - so sensibel funktioniert das Zusammenspiel. Emotionen wie Stress oder Angst führen beispielsweise schnell dazu, dass man plötzlich ganz anders atmet, wodurch sich die komplette Lage unter Wasser verändern kann. Ruhig bleiben ist daher nicht umsonst die erste und wichtigste Regel. Wenn man im falschen Moment in Panik verfällt, kann es ganz schnell vorbei sein.
Aber wahrscheinlich ist es gerade das, was diesen Sport so faszinierend macht. Kaum irgendwo anders ist man so sehr bei sich. So präsent. Man hat gar keine andere Möglichkeit, als im Hier und Jetzt zu sein. Atemzug für Atemzug, Flossenschlag für Flossenschlag. Was in einem Moment furchterregend sein kann, kann sich im nächsten wieder anfühlen wie die friedlichste Erfahrung überhaupt.
Extremsport hat immer mehrere Seiten. Wenn man sich in der Natur befindet, muss man sich den Bedingungen anpassen. Man hat eben nicht unter Kontrolle, wie die Gegebenheiten sind und wie sie sich verändern, sondern nur, wie man selbst darauf reagiert. Und gerade dieser Aspekt macht das Ganze aber auch so reizvoll.
Das ist auch der Grund, warum ich körperlich fordernde Hobbys so wichtig finde. Sie holen uns raus aus dem Kopf und bringen uns zurück in den Körper. Ins Fühlen. Das verlieren wir im Alltag oft.
Abtauchen ist eine passende Metapher für das, was im übergeordneten Sinne passiert.
Raus aus dem Alltag mit allem, was dazugehört, und rein ins Erleben. Nur das Jetzt ist wichtig, und der nächste Schritt. Wenn es ein Problem gibt, tief und bewusst ausatmen und auf mögliche Lösungen konzentrieren, statt die aufsteigende Panik das Steuer übernehmen zu lassen. Die ist selten ein guter Ratgeber, nicht nur unter Wasser.
Viele Dinge funktionieren eben dann am besten, wenn man sie mit der nötigen Ruhe angeht. Und das Tauchen ist für mich gerade der schönste Beweis.
Weiterlesen
Stoic Rage
[...] Der Teil mit dem Ändern war nie wirklich mein Problem. Das Hinnehmen dagegen schon. Was ich aber mittlerweile begriffen habe: indem ich lerne, die Unveränderbarkeit mancher Dinge zu akzeptieren, werde ich erst richtig handlungsfähig.
Sport für zuhause (der wirklich Spaß macht)
Keine Zeit für Sport? Kein Problem. In diesem Text stelle ich dir verschiedene Ideen vor, mit denen du Bewegung ganz einfach in deinen Alltag einbinden kannst - ohne das Haus verlassen zu müssen.





