Das Paradoxon der Unverwundbarkeit
Warum Härte allein noch keinen Diamanten macht. | Monday Editions
Ich will nirgendwo anders sein als genau hier, genau jetzt.
Dieser kleine Gedanke wirkt vielleicht unspektakulär, aber für einen ehemaligen Perfektionisten bedeutet er alles. Weil er vielleicht zum ersten Mal spürt, was Frieden bedeutet.
Für ein Kind, das in einem perfektionistischen Umfeld aufwächst, vergeht meist kein Tag ohne Produktivitätsdruck auf der Brust.
Performen, aber bitte fehlerlos. Verlässlich sein, konstant. Leistung, Leistung, Leistung.
Spätes Abendessen im Bad nach dem Training, während Mama einem die Haare föhnt, damit man schneller ins Bett kommt. Die Wochenenden gefüllt mit Wettkämpfen oder Trainingslagern, zu Klassenfahrten nachreisen oder Urlaube unterbrechen, um bloß kein Turnier zu verpassen.
Gleichzeitig Bestnoten in der Schule seit dem ersten Tag, und mit der Gewohnheit kommt die unausgesprochene Erwartungshaltung. Natürlich lieferst du ab. Hast du ja immer. Und irgendwann fühlen sich auch die außergewöhnlichen Leistungen nicht mehr nach Erfolg an.
Irgendwie klar, dass dieses Kind im Erwachsenenalter lernen musste, einfach zu sein, ohne innere Getriebenheit. Das kann man nicht einfach so abschalten.
Wer jetzt sagt, dass unter Druck bekanntlich Diamanten entstehen, weiß hoffentlich auch, was sie zersplittern lässt.
Eine kleine, unvorhergesehene Abweichung, eine falsche Bewegung - und man gerät komplett aus der Balance. Die Panik setzt ein, weil’s nicht nach Plan läuft oder man hinter den gesteckten Erwartungen zurückbleibt.
Perfektionismus ist ein Arschloch. Weil er uns vorgaukelt, dass ein komplett unrealistischer Standard erreichbar wird, wenn wir uns nur noch mehr anstrengen.
Aber in der Realität gibt es diesen Grundsatz: je härter der Diamant, desto leichter bricht er. Willkommen im Paradoxon der vorgetäuschten Unverwundbarkeit.
Frieden sieht manchmal unspektakulär aus.
Weil davor vielleicht objektiv gesehen mehr los war. Man hat augenscheinlich mehr gemacht, mehr erreicht, mehr erlebt, was weiß ich. Aber so richtig anwesend war man in keinem einzigen Moment.
Zu wissen, dass man nirgendwo anders sein will als genau hier, genau jetzt, bedeutet das genaue Gegenteil. Man ist endlich auf einer Linie mit der Zeit, anstatt panisch mit dem Kopf in der Zukunft festzuhängen. Man vertraut. Man lässt los. Und man fühlt - vielleicht zum ersten Mal überhaupt.
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