Erwachsenwerden ist ein bisschen wie mentales Tauziehen. In diesem Sinne: willkommen bei den Highland Games.
Ein kurzer Faktencheck meinerseits hat ergeben: bei den echten schottischen Highland Games geht es hauptsächlich darum, schwere Dinge zu stemmen und eine Reihe von Herausforderungen mit Kraft, Ausdauer und Präzision zu bewältigen. Klingt ziemlich nach der Lebensphase ab Mitte 20, wenn du mich fragst.
Erwachsen werden fühlt sich manchmal an, als würde man ungewollt bei einem Tauziehwettbewerb mitmachen.
Die eigene Identität, frisch am Entstehen und voller Fragezeichen, kämpft mit der Prägung und bisherigen Lebenserfahrungen. Die eine will frei sein und ihr Ding machen, während die andere mal mehr, mal weniger bewusst dagegenhält. Man bewegt sich permanent zwischen der vermeintlich gefährlichen Unklarheit auf der einen Seite und dem vermeintlich funktionierenden Vertrauten auf der anderen. Gut, bewegen ist hier eigentlich zu sanft ausgedrückt. Ich würde es eher als zerrissen werden beschreiben. Und während ich das hier so schreibe, fällt mir auf: Ich bin kein eigenständiger Teilnehmer in diesem Szenario, sondern das verdammte Seil.
Dabei will ich lieber die sein, die es wegpackt und sagt: “Das brauchen wir nicht mehr. Hier in der Mitte ist es doch eigentlich ganz okay.”
Ich will mein Ding machen und friedlich neben all den Leuten koexistieren können, die wiederum ihres machen. Im Raum dazwischen ist Platz für alle.
Manchmal sieht man auch an lebenden Beispielen, wohin einen eine bestimmte Verkettung von Lebensentscheidungen führen würde und stemmt sich mit voller Kraft dagegen.
Manche lassen aber erst los, wenn sie gar nicht mehr anders können, weil das Seil ihnen die Hände verbrannt hat. Auch wenn loslassen zwar nicht dem klassischen Sieg beim Tauziehen entspricht, weil es gegen die geltenden Regeln ist, hat man deshalb aber nicht unbedingt verloren. Manchmal ist Loslassen besser, als mit dem Gesicht voraus auf der anderen Seite aufzuschlagen, weil man zu verbissen an etwas festhält, was einen in die falsche Richtung zieht.
Dieses Tauziehen hört ja nicht bei einem selbst auf.
Auch politisch zeigt es sich - an der unschlagbaren Art und Weise unserer Regierung, sich ein Eigentor nach dem anderen zu schießen. Man muss sich nicht wundern, dass die Dinge sich entwickeln, wie sie es tun. Wenn ich es mir systematisch mit allen verscherze, die sich unter meiner Führung nicht gesehen und gehört fühlen, hat das schlimmstenfalls Konsequenzen, auf die keiner von uns Bock hat. Dabei hatten wir das doch schon. Nie wieder und so.
Es ist wichtig, dass wir uns wieder daran erinnern, zuzuhören - uns selbst und anderen.
Die Gräben zwischen uns dürfen nicht so breit werden, dass die Brücken fallen. Dafür müssen wir selbst sorgen, das nimmt uns keiner ab. Im Gegenteil: eine Menge Leute warten nur darauf, dass das passiert, um Profit daraus schlagen zu können. Spaltung bringt aber nur denjenigen etwas, die sich eh schon an den herrschenden Missständen bereichern. Wir haben am Ende des Tages alle dieselben Probleme, Wünsche und Bedürfnisse. Lasst uns das nicht vergessen, auch wenn im Augenblick so viel anderes propagiert wird.
Frieden liegt irgendwo in der Mitte - dafür muss man aber bereit sein, das Seil wegzulegen.
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