Jane Goodall: über Hoffnung, Weisheit und Unermüdlichkeit
Und: über das, was von ihr bleibt. | Attitude Stories
Jane Goodall ist letzte Woche, am 1. Oktober, während einer Vortragsreise in Kalifornien verstorben. Sie wurde 91 Jahre alt und widmete über zwei Drittel ihres Lebens dem leidenschaftlichen Schutz und der Erforschung von Primaten, sowie dem Erhalt der Umwelt. Für viele Menschen war sie Vorbild, Inspiration und Kraftquelle – und sie ist es noch. In diesem Artikel sprechen wir über das, was von ihr bleibt und ihr letztes Interview.
In diesem Artikel
Wie kam Jane zu den Affen?
Zitate aus “Famous Last Words” (2025)
„Die Natur ist immer voller Dinge, die man betrachten kann.”
„Ich bin nicht dein Gott, ich bin einfach Jane.“
Zwei Arten von Alphamännchen
„Glauben Sie an Schicksal?“
Worte gegen die Ohnmacht
“Ich glaube einfach nicht, dass aggressiv zu sein jemals funktioniert.“
„Verliert nicht die Hoffnung.”
Du willst nur Attitude Stories zugeschickt bekommen, aber keine anderen Themenbereiche - oder umgekehrt?
Kein Problem: in deinem Leserprofil auf der Magazinwebsite kannst du unter “Abonnement verwalten” deine Newsletter-Einstellungen schnell und einfach personalisieren. So landen künftig nur die Texte in deinem Postfach, die du auch wirklich lesen möchtest.
Jane hat es vorgelebt. Gesellschaftliche Grenzen durchbrochen, ohne vorangegangenes Studium die Primatologie revolutioniert und damit unser Verständnis von Mensch und Tier für immer verändert. Ihre Geschichte zeigt, wie relativ das Wort „unmöglich“ ist – und gibt damit über ihren Tod hinaus Hoffnung.
Wie kam Jane zu den Affen?
Dr. Valerie Jane Morris-Goodall, DBE wurde am 3. April 1934 in London, England, geboren. Janes Tierliebe gehörte von Beginn an so fest zu ihr wie ihr Name. Nach eigenen Angaben war ihr schon mit zehn Jahren klar, was sie wollte – wilde Tiere in Afrika erforschen und mit ihnen leben. Dass dieses Vorhaben besonders in der damaligen Zeit, den späten Vierziger- und Fünfzigerjahren, als unüblich für Frauen galt und auf entsprechend viel Gegenwind stieß, können wir uns, denke ich, alle vorstellen.
Jane erzählt im posthum erschienenen Netflix-Interview „Famous Last Words“ davon, dass ihre Mutter ihren Wunsch, nach Afrika zu gehen, bestärkte. Ihr sagte, dass sie sicher einen Weg finde, wenn sie hart arbeitet, jede Gelegenheit nutzt und nicht aufgibt. Jane erklärt, dass sie ihrer Mutter zu verdanken habe, wer sie heute sei. Statt ihre Begeisterung im Keim zu ersticken, wie es der damaligen gesellschaftlichen Haltung eher entsprochen hätte, förderte ihre Mutter ihren Werdegang, indem sie sie ernst nahm. Dies beschreibt Jane als entscheidenden Faktor in ihrer Entwicklung.
1960 begann ihre Arbeit im Gombe-Stream-Naturreservat in Tansania, Afrika. Es folgten: Jahrzehnte voller bahnbrechender Entdeckungen und bemerkenswerter Forschung. Die von ihr begonnene Studie über Schimpansen in Tansania ist die längste Wildtierstudie der Geschichte und gleichzeitig die weltgrößte Datenbank für die Erforschung von Menschenaffen.
Zitate aus “Famous Last Words” (März 2025)
Brad Falchuk bezeichnet Jane im Interview als „the woman who redefined man“ - die Frau, die die Menschheit neu definierte. Janes Arbeit ergab nicht nur, dass Schimpansen in der Lage sind, Werkzeuge zu nutzen, sondern auch, dass Schimpansen eigene Persönlichkeiten, Gedanken und Gefühle haben. Damit legte sie den Grundstein für eine neue Augenhöhe zwischen Menschen und Tieren.
Um zu ergründen, wer Jane war und auf welche Weise sie gesellschaftliches Miteinander prägte, teile ich im folgenden Abschnitt einige besonders einprägsame Zitate aus dem im März 2025 entstandenen Interview.
“Die Natur ist immer voller Dinge, die man betrachten kann.”
Auf die Frage des Interviewers, ob ihr im Urwald nicht auch stellenweise langweilig gewesen sei, meint sie, dass es in der Natur immer Dinge zu beobachten gebe. Sie berichtet von unterhaltsamen Tierbeobachtungen und der Vielfältigkeit der Natur, die jeden Moment da draußen spannend machen können.
“Ich bin nicht dein Gott, ich bin einfach Jane.“
Jane erzählt von den ersten Begegnungen, in denen ihr klarwurde, dass Menschen damit begonnen hatten, sie als Ikone zu sehen – und insbesondere von ihrer Verwunderung darüber. Bis zuletzt war dieser Umstand für sie ein Mysterium. Ganz an die Weisheit ihrer Mutter angelehnt nutzte sie jedoch auch diese neu geschaffene Möglichkeit, um ihre Mission für den Erhalt der Natur voranzutreiben. Ihre globale Bekanntheit führte zu erheblichen Fortschritten im kollektiven Bewusstsein zum Thema Natur- und Wildtierschutz.
Zwei Arten von Alphamännchen
„Es gibt zwei Arten von Alphamännchen. Die einen setzen ihren Willen mit Aggression durch, mit Stärke und Kampf. Die halten sich nicht sehr lange. Die anderen tun es, indem sie ihre Gehirne benutzen. Und die halten sich sehr, sehr viel länger.“
Hier bezieht sich Jane in erster Linie auf Beobachtungen, die sie bei ‘ihren’ Schimpansen getätigt hat. Nachdem wir aber bereits festhalten konnten, dass Menschen und Menschenaffen sich sehr viel ähnlicher sind, als wir ursprünglich glaubten, ist dieser Gedanke wahrscheinlich auch für uns sehr zentral – und insbesondere für die Art, wie wir Miteinander gestalten.
„Glauben Sie an Schicksal?“
Der Interviewer fragt: „Glauben Sie an Schicksal?” Jane antwortet: „Ich glaube, dass es für uns alle jeweils einen Weg gibt, den wir nehmen sollten, doch wir haben einen freien Willen. Wir müssen uns nicht dafür entscheiden.“
Für die meisten von uns gilt: wir haben den Großteil unseres Lebens selbst in der Hand. Wir können, dürfen und müssen selbst entscheiden, in welche Richtung wir uns entwickeln, welche Gewohnheiten wir ablegen und welche Werte wir verkörpern. Entscheidungsfreiheit ist Privileg, Geschenk und Verantwortung in einem. Es zählt also, was wir tun – auch wenn uns diese Verantwortung hin und wieder als Belastung vorkommen mag. Wenn wir uns aber daran erinnern, dass sich diese Verantwortung auf viele einzelne Schultern verteilt, fühlt sich das Ganze gleich viel weniger wie eine Last an und dafür mehr wie das Geschenk, dass es eigentlich ist.
Worte gegen die Ohnmacht
Einer der wichtigsten Schlüsselsätze gegen die drohende Ohnmacht fällt gegen Ende des Interviews:
„Ohne Hoffnung verfallen wir in Apathie und tun nichts. Und in den dunklen Zeiten, in denen wir jetzt leben, sind wir verloren, wenn Menschen keine Hoffnung haben.“
Jane fährt fort: „Und wie können wir kleine Kinder in diese dunkle Welt bringen, die wir geschaffen haben, und sie von Menschen umgeben lassen, die bereits aufgegeben haben? […] Ich habe keinen Zweifel daran, dass wir die Mittel für eine Veränderung haben, aber haben wir den Willen dafür?“
“Ich glaube einfach nicht, dass aggressiv zu sein jemals funktioniert.“
Jane erzählt, dass sie in der Vergangenheit gefragt wurde, wie sie es schafft, im unermüdlichen Einsatz für die Natur so gelassen zu bleiben. Das hänge womöglich mit den vielen verbrachten Monaten im Regenwald zusammen, meint sie lächelnd. Um Menschen zum Umdenken zu bewegen, müsse man laut ihr zudem vor allem das Herz erreichen. Mit dem Kopf allein zu kämpfen bringe Menschen nicht dazu, wirklich zuzuhören – womit sie einen unglaublich wichtigen Punkt anspricht, der sich auf sämtliche Konfliktsituationen übertragen lässt.
„Verliert nicht die Hoffnung.”
„Ich will, dass ihr versteht, dass wir Teil der natürlichen Welt sind und selbst heute, wo die Welt dunkel ist, gibt es immer noch Hoffnung. Verliert nicht die Hoffnung. […] Jeder und jede von euch hat eine Rolle zu erfüllen. Ihr wisst es vielleicht nicht. Ihr findet sie vielleicht nicht. Aber euer Leben hat eine Bedeutung und es gibt einen Grund, warum ihr hier seid. Und ich hoffe nur, dass dieser Grund für euch erkennbar wird, während ihr euer Leben lebt. Ich möchte, dass ihr wisst, dass, ob ihr diese Rolle nun finden werdet oder nicht, ihr an jedem einzelnen Tag, den ihr hier auf dieser Erde verbringt, einen Unterschied in der Welt macht. Und ihr könnt entscheiden, welcher das ist.“
Diese Worte gehören zu den letzten, die Jane in die Kamera spricht. Der Interviewer hat zu diesem Zweck bereits den Raum verlassen. Sie sind ein schönes Manifest für die Weise, wie Janes Arbeit charakterisiert war. Lösungsorientiert, mit Wissenschaft und Verstand und mindestens genauso viel Herz.
Teils Schicksal, teils Glück, teils Entschlossenheit – so beschreibt Jane ihr Erfolgsrezept. Eine große Mission, die in kleinen, alltäglichen Handlungen von jedem einzelnen ihre Wirkung entfaltet. Gegen die Apathie „anleben“ und Hoffnung haben, den dunklen Zeiten zum Trotz. Das ist, was von ihr bleibt – und wenn wir wollen, auch für uns.
Wholeheartedly ist für alle, die sich für ganzheitliche Perspektiven auf Natur, Gesellschaft und Gesundheit interessieren. Dabei wollen wir sowohl differenziert einordnen als auch Raum für Emotion lassen. Abonniere kostenlos, um keine neuen Texte mehr zu verpassen:
Du kannst dein Abo jederzeit auf bezahlt upgraden, wenn du das Magazin noch stärker unterstützen möchtest. So können wir dir in Zukunft immer spannendere Inhalte bieten.
Weiterführende Links zu Janes Arbeit/Unterstützungsmöglichkeiten:
Zur offiziellen Website des ➡️ Jane Goodall Institute
Zur Website des ➡️ Jane Goodall Institut Deutschland
Danke, dass du Wholeheartedly so fleißig liest und unterstützt - wir hoffen, dass du auch diesen Text gerne gelesen hast. Wenn dir gefällt, was du hier siehst, freuen wir uns, wenn du das Magazin weiterempfiehlst:
Weiterlesen
Wandern in Baden-Württemberg: auf Göppingens Löwenpfaden
Die Wandersaison 2026 hat begonnen und ich habe mir das Ziel gesetzt, dieses Jahr alle Löwenpfade zu bewandern, die der Landkreis Göppingen zu bieten hat. Mit dabei sind Routen jeder Schwierigkeit, von kurzen und gemächlichen Strecken bis hin zu intensiven Eintageswanderungen. Was diese Wanderwege so besonders macht und warum auch du die Löwenpfade lieben wirst, erfährst du in diesem Artikel.
Gegen die Bitterkeit.
Ich habe keine Lust mehr auf den chronischen Pessimismus, der einem im Alltag regelmäßig entgegenweht. Ich ersticke langsam daran. Und ich will wieder atmen.
Originalzitate aus “Famous Last Words” mit Jane Goodall (2025, Netflix)
“Nature is always filled with things to look at.”
“I’m not your God, I’m just Jane.“
„There are two types of Alphas – one does it all by aggression, because they’re strong and they fight. They don’t last very long. Others do it by using their brains. And they last much, much longer.”
- “Do you believe in Destiny?”
- “I believe that we have a path that we should take, but then we have free will. We don’t have to make the choice.”
“Without hope, we fall into apathy and do nothing. And in the dark times that we’re living in now, if people don’t have hope, we’re doomed. And how can we bring little children into this dark world we’ve created and let them be surrounded by people who’ve given up?”
“I have no doubt that we have the tools to make the change, but do we have the will to make the change?”
“I just don’t think being aggressive ever works.”
“Each and every one of you has a role to play. You may not know it. You may not find it. But your life matters and you are here for a reason, and I just hope that that reason will come apparent as you live through your life. I want you to know that whether or not you find the role that you’re supposed to play, your life does matter and that every single day you live you make a difference in the world and you get to choose the difference that you make. I want you to understand that we’re part of the natural world and even today where the planet is dark, there still is hope. Don’t lose hope.“







