Wenn wir über strukturelle Veränderung nachdenken, sehen wir sie oft als Kampf. Als wären die herrschenden Zustände verschiedene Gegner, die es zu besiegen gilt. Und wir kämpfen. Tagein, tagaus.
Gegen große und kleine Missstände, gegen laute und leise Ungerechtigkeiten. Gegen unerreichbare Ideale und exklusive Normen.
Weil wir aber nicht immer in die Konfrontation gehen können, gibt es andere Wege, die uns weiterbringen.
Manchmal reicht es auch, einfach nicht mitzumachen.
Ich bin Helen und schreibe hier im WH Magazine über Autonomie und Handlungsfähigkeit. Mit einem kostenlosen oder bezahlten Abo bekommst du neue Texte künftig direkt in dein Email-Postfach:
Nicht mitzugehen mit dem, was als neuester Schrei verkauft wird. Sich nicht anstecken zu lassen von dem künstlichen Mangelgefühl, sondern sich mehr selbst zu fragen, ob einem gerade wirklich etwas fehlt.
Sich zu fragen, ob ich aus eigenem Wunsch heraus etwas ändern möchte oder nur das Gefühl habe, ich muss, weil es jemand anders sagt.
Dieses “Nicht mitmachen” funktioniert meiner Beobachtung nach besonders gut bei sozialen Verhaltensweisen, mit denen wir nicht okay sind. Es entwickelt sich eine interessante Eigendynamik, wenn man inakzeptable Witze nicht mehr höflichkeitshalber weglacht oder bestimmte Gesprächsbälle einfach liegen lässt, statt sie aufzugreifen. In solchen Momenten braucht es häufig keine Konfrontation. Auch eine Nicht-Reaktion spricht Bände.
Konfrontation kann Sinn machen - muss sie aber nicht immer.
Und ich glaube, dass es sehr viel öfter so ist, als wir wahrhaben wollen. Nicht jedes fragwürdige Menschenbild löst man durch Diskussion und genauso wenig muss man jede schlechte Dynamik durch Auseinandersetzung reparieren, heilen oder verhandeln.
Wer dazulernen will, wird das ohnehin, und wer nicht, wird es auch dann nicht, wenn wir mit Fackeln und Mistgabeln auf ihn losgehen und uns dabei nur selbst verbrennen.
Ich glaube, dass es wichtiger ist, immer genügend Energie zu haben, um das, was man in der Welt sehen möchte, selbst zu verkörpern. Und wenn wir unsere Zeit nur mit Streiten verbringen, schaffen wir das nicht.
Dieser Gedanke passt übrigens gut zum Text von letzter Woche, da geht es ums Loslassen.
Nicht mitzumachen könnte außerdem ein möglicher Gegenpol zu einer unserer modernen Zivilisationskrankheiten sein:
Wir leben im Zeitalter der Inszenierung.
Wir konstruieren unsere Außenwirkung mit technischer Präzision und wir cosplayen verschiedene Versionen, je nachdem, welche gerade gefragt ist. Für diese vielen Rollen, die wir Tag für Tag spielen, hat jeder von uns einen eigenen Kostümfundus zuhause.
Ich auch. Je nachdem, welches Kostüm ich gerade brauche, hole ich es raus, schüttele es aus und streife es über. Mal heißt sie “Helen”, mal “Helli”, mal trägt sie Business Casual, mal die Wanderschuhe. Mal läuft sie mit Notizblock und Stift in der Hand durchs Arbeitszimmer und mal mit der Kamera in der Hand durch eine fremde Stadt. Mal sitzt sie mit einem Glas Rotwein in der lauten Bar zwischen ihren Freundinnen und mal will sie einfach nur einen Abend für sich sein.
Manchmal verschwindet eines dieser Kostüme aus dem Fundus, weil es nicht mehr passt. Oder ich werfe es weg, weil der Stoff kratzt.
Was ich sagen will, ist: Man muss sie nicht alle behalten.
Man darf sagen: Ich mache das nicht mehr. Ich will diese Rolle nicht mehr spielen. Ich will mich lieber auf die konzentrieren, die sich wirklich anfühlen wie meine.
Ich glaube aber, dass es genauso zum Leben dazugehört, hin und wieder auch mal in ein Kostüm zu schlüpfen, das man weniger gern trägt. Weil das Leben eigentlich gar kein Dress-Up-Contest ist und man es seinen Mitmenschen zuliebe macht.
Am Ende sind es nämlich keine Kostüme, sondern einfach verschiedene Facetten, die alle ihre Daseinsberechtigung haben. Die alle du sind. Die alle echt sind.
Und was nicht zu dir gehört, zieh aus.
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Wie lernt man, loszulassen?
Loslassen ist nicht immer automatisch Verlust. Manchmal bedeutet es Freiheit. Manchmal gewinnen wir erst dadurch.
Man kann Klarheit nicht erzwingen, wenn sie mit äußeren Umständen zu tun hat. Man kann sich maximal dafür entscheiden, auch ohne sie weiterzugehen.
Eine Frage des Timings
Passieren uns die richtigen Dinge - oder Menschen - manchmal einfach zur falschen Zeit?
Du kennst vielleicht das Sprichwort: “Right person, wrong time”. Richtige Person, falscher Zeitpunkt. Und ich glaube schon, dass da was dran ist. Natürlich nicht für alle und ganz sicher nicht für jede Situation. Besonders nicht dann, wenn wir vor lauter Romantisieren nicht mehr klar denken können. Aber wann gilt er denn dann?
Das Paradoxon der Unverwundbarkeit
"Ich will nirgendwo anders sein als genau hier, genau jetzt."
Dieser kleine Gedanke wirkt vielleicht unspektakulär, aber für einen ehemaligen Perfektionisten bedeutet er alles. Weil er vielleicht zum ersten Mal spürt, was Frieden bedeutet.






