Wasser und Wein
Oder: warum konservative Gesellschaftsbilder keinen Sinn machen. | Monday Editions
Anderen etwas verbieten, um es dann selber zu tun - das Stichwort Doppelmoral ist seit vergangener Woche wegen der aktuellen Geschehnisse rund um Jens Spahn und seinen Rücktritt als CDU-Fraktionsvorsitzender sehr präsent in vielen Köpfen.
Was sagt es über konservative Gesellschaftsbilder aus, wenn sich selbst ihre Verfechter nicht an sie halten? Und ist damit nicht schon alles gesagt?
Ich bin Helen und schreibe hier im WH Magazine über Autonomie und Handlungsfähigkeit. Mit einem kostenlosen oder bezahlten Abo bekommst du neue Texte künftig direkt in dein Email-Postfach:
Spahn hat im Zuge seiner Familienplanung die konservative Einstellung dazu mehr als nur ins Wanken gebracht - er hat sie komplett über den Haufen geworfen. Was mich hier erstaunt, ist die vorangegangene Überzeugung, es gäbe hier eine akzeptable Trennung zwischen privaten Lebensentscheidungen und politischer Agenda.
Was außerdem spannend ist: Spahn zeigt freiwillig und anschaulich, wie tragfähig das durch den globalen Rechtsdruck immer stärker geforderte konservative Gesellschaftsbild ist. Nämlich gar nicht.
Warum sich Spahn und Weidel in diesem Punkt erschreckend nah sind
Das Spahn-Beispiel zeigt viel mehr als nur die zugrundeliegende Doppelmoral. Wasser predigen und Wein trinken ist nichts Neues in der Politik - wir kennen das. Und es ist gefährlich.
Was Spahn hier gemacht hat, ist im Grunde nichts anderes als eine queere Alice Weidel (pardon - eine Frau, die mit einer Frau verheiratet ist), die sich hierzulande gegen Menschen mit denselben Lebenswünschen stellt. Da bringt es auch nicht viel, wenn sie hier und da zu Protokoll gibt, dass sie selbst nicht den familiären Zielentwurf der AfD lebt. Sie vertritt ihn trotzdem.
Man kann nicht nur den Teil einer Organisation repräsentieren, den man persönlich gut findet.
Wenn man Mitglied ist, steht man immer auch für die ganze Palette.
Man wählt nicht ein bisschen die AfD oder ist nicht nur ein bisschen Mitglied in der katholischen Kirche. Solange ich mit meiner Unterstützung zur Machtsicherung beitrage, sei es in finanzieller Form oder durch meine Stimme, kann es den Machthabenden egal sein, was ich vom Rest halte. Bloßes Meckern setzt niemanden unter Zugzwang. Das tut erst die dazu passende Handlung.
Ich unterstelle den Beteiligten hier keine Gleichgültigkeit. Im Gegenteil. Es gibt so viele Menschen, die tagtäglich systemintern gegen Windmühlen kämpfen. Unermüdlich. Und das braucht es genauso.
Wen soll man unterstützen und auf welcher Basis?
Wenn die sogenannte politische Mitte eigentlich ein konservatives Menschenbild voller Misstrauen vorsieht und das Geltungsbedürfnis einiger weniger zu verhängnisvollen Fehlentscheidungen für die Allgemeinheit führt, dann ist das für mich keine Mitte. In der Mitte der Gesellschaft zu stehen würde bedeuten, sich auch wie ein Teil von ihr zu verhalten. Nicht von einer gut klimatisierten Empore mit Luxusausstattung aus eigene Regeln fürs Fußvolk aufzustellen, die einem verloren gegangenen Realitätsbezug geschuldet sein müssen. Anders kann ich es mir nicht erklären.
Schaffen sich konservative Gesellschaftsbilder deshalb von selbst ab?
Eindeutig nein. Ein Menschenbild trägt sich erwiesenermaßen auch, ohne dass sich die Verfechter selbst daran halten. Wenn man ihm mit dem passenden Selbstbewusstsein die nötige Bedeutung verleiht, nehmen viele es mit der Logik nicht mehr so genau. Wenn man aber Punkt für Punkt auf dieser Liste durchgeht, spricht das Ergebnis für sich.
Wie viele Menschen handeln ihren Worten nach? Tust du es?
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