I'm not your mom (or your therapist).
Warum Liebe nicht bedingungslos sein sollte. | Monday Editions
Es gibt eine feine, aber schützenswerte Linie zwischen dem, was man in einer Beziehung geben kann und dem, was man geben sollte. Ich ziehe sie mittlerweile klarer. Jetzt steht da eine halbhohe Kofferwand aus all dem Ballast, den jemand anders zwar loshaben wollte, aber nie sortiert hat.
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Ich habe bis vor einiger Zeit noch gedacht, dass Liebe nur dann funktioniert, wenn sie bedingungslos ist.
Dabei ist wohl eher das Gegenteil der Fall.
Die einzige Liebe, die meiner Meinung nach bedingungslos sein sollte, ist Elternliebe. Alle anderen Arten dürfen währenddessen nicht nur an Bedingungen geknüpft sein, sondern sollten es auch. Denn: je klarer wir uns über unsere Erwartungshaltung ans Gegenüber sind, desto eher erkennen wir die Menschen, die uns gut tun.
Wichtig: Bedingungen sind hier kein Synonym für eine ellenlange Liste an Anforderungen. Ich meine damit nicht, dass ich jetzt meinen Rotstift auspacke und zig nicht verhandelbare Punkte notiere, die mein Gegenüber erfüllen muss, bevor ich mich auf diesen Menschen einlasse. Bedingungen zu stellen bedeutet vor allem, den eigenen Selbstrespekt dabei nicht aus den Augen zu verlieren.
Eine Beziehung löscht auch nicht die Selbstverantwortung aus, die man als erwachsener Mensch trägt. Im Gegenteil: sie verstärkt sie. Bedingungen sind also gleichzeitig auch eine Erinnerung daran, wer wir werden wollen. Und ich will in einer Dynamik sein, in der man sich gegenseitig Flügel gibt.
Ich möchte mich nicht in einer Beziehung mit jemandem wiederfinden, der die Erwartungshaltung hat, dass ich seine Probleme für ihn löse.
Vor ein paar Jahren hatte ich eine Situation, die mich sehr an dieses Thema erinnert.
Ich war gerade Anfang 20 und mit jemandem in einer nahegelegenen Stadt auf ein erstes Coffee-Date verabredet. Ich weiß nicht mehr, wie oder warum, aber aus einem entspannten Nachmittags-Kennenlernen wurde ein langes Krisengespräch, das bis in den späten Abend andauerte. Es ging dabei hauptsächlich um seine persönlichen und privaten Unsicherheiten. Wir haben uns nicht wieder getroffen, aber einige Monate später hat er mir eine Nachricht mit einem Life-Update geschickt. Es gehe ihm sehr viel besser und das, was ich ihm damals gesagt habe, hätte ihn motiviert, diese Veränderungen anzugehen. Dafür hat er sich dann bedankt.
Dein erster Gedanke ist jetzt vielleicht: Ist doch nett, das er dir das sagt. Aber wenn wir uns erinnern, dass die Ursprungssituation ein erstes Date war und kein Therapiegespräch, wird’s eben doch interessant. Noch bevor wir uns überhaupt richtig kannten, war ich schon die Problemlöserin.
Bedingungslosigkeit in Beziehungen wird meiner Meinung nach zu sehr romantisiert.
Und ich glaube, wir handeln sowieso nicht wirklich danach. Wir haben in der Regel schon gewisse Erwartungen ans Gegenüber und werden die nicht erfüllt, dann gehen wir. Warum also immer noch an der Vorstellung festhalten, dass Bedingungslosigkeit in Beziehungen etwas Reales - oder sogar Gesundes ist? Im schlimmsten Fall fördert sie Abhängigkeiten und verleitet einen zum Bleiben, wenn man besser gehen sollte.
Wir brauchen keine Bedingungslosigkeit, um schöne Beziehungen zu führen.
Ich glaube eher, dass eine aktive Auseinandersetzung mit den eigenen Prioritäten und Vorstellungen einer Beziehung erst die Tiefe gibt, die sie zu etwas Besonderem macht.
Wenn Menschen also die Intention haben, zu bleiben, dann packe ich gern mit an. Ich werde über den Kofferinhalt schweigen wie ein Grab und beim Sortieren helfen, wenn es das braucht und gewünscht ist. Ich bin eben nur kein Emotional Support Drive-In für Menschen, die nur auf der Durchreise sind. Der hat dauerhaft geschlossen.
Am Ende geht es darum:
Ich will nicht, dass dein Leben von mir abhängt. Ich will aus den richtigen Gründen unersetzbar für dich sein.
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Können wir gegen Dysfunktionalität „anlieben"?
Im Zusammenhang mit zwischenmenschlichen Beziehungen gibt es mehr unterschiedliche Überzeugungen, als man überblicken kann – darunter auch solche, die die Entwicklung von funktionierenden Verbindungen eher blockieren als begünstigen.
"Du hast zu hohe Erwartungen."
Als ich mir nahestehenden Menschen vor einigen Monaten erzählte, dass ich jetzt jemanden treffe, kam folgender Satz als Reaktion: “Oh, das ist gut, ich bin froh, dass du außer uns jetzt noch etwas anderes hast.” Als ob mein Leben davor eine einzige inhaltlose Veranstaltung gewesen wäre. Als ob ich nicht schon vorher erfüllt gelebt hätte - romantische Beziehung hin oder her.





