Leistungssport hat mich dazu gebracht, meinen Körper zu hassen
Und er ist auch der Grund dafür, dass das heute anders ist. | Monday Editions
Lange habe ich den Sport für die komplizierte Beziehung zu meinem Körper verantwortlich gemacht. Heute würde ich sagen: es war nicht der Sport. Es waren die Menschen dahinter, die vergessen hatten, wie mächtig Worte sein können.
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Wenn ich versuche, den genauen Tag auszumachen, an dem meine Probleme mit meinem Körperbild begannen, ploppt immer wieder das Bild einer ehemaligen Trainerin auf, die ein Mädchen aus meiner Gruppe vor versammelter Mannschaft kritisierte.
Die Übung hätte früher besser funktioniert, weil sie da eben ein bisschen dünner gewesen sei.
Mir wurde zwischenzeitlich erzählt, dass diese Situation längst kein Einzelfall war. Und obwohl ich die meisten anderen Momente nicht mehr bewusst abrufen kann, weil ich einfach zu jung war, erinnere ich mich noch erschreckend genau an die angespannte Atmosphäre, das betretene Schweigen und die Unsicherheit, die in genau diesem Augenblick in der Luft lag. Mir war richtig schlecht.
Das Mädchen war vielleicht dreizehn oder vierzehn, als meine Trainerin sie vor unserer Gruppe bloßgestellt hat. Zwei Jahre älter als ich. Dass das Spuren hinterlässt, ist irgendwo klar.
Was damit auch klar wird: manches muss einem gar nicht selbst passieren, um eine Reihe an problematischen Gedanken in Gang zu setzen.
Es war ja auch nicht jedes Mädchen mit Dünnheitswahn selbst bei Germany’s Next Topmodel. Es hat völlig ausgereicht, vor dem Fernseher zu sitzen, um die Kritik der Jury persönlich zu nehmen.
Voltigieren ist insofern ein gnadenloser Sport, als das man jedes einzelne Kilo sieht. Die Anzüge, die man auf Wettkämpfen trägt, sind so hauteng wie beim Turnen und lassen keinen großartigen Spielraum für Interpretation. Man vergleicht sich, ohne, dass man es bewusst möchte.
Wir haben zu der Zeit mehrfach die Woche trainiert, also kann man sich vorstellen, dass meine damalige Gruppenkollegin alles andere als unfit war. Es gab mehr als genug Voltigiererinnen mit demselben Körpertyp und dass ein Mädchen in diesem Alter außerdem pubertätsbedingte Veränderungen durchlebt, darüber haben wir noch gar nicht gesprochen.
Dazu kommt: man kann vom Voltigieren nicht leben.
Es ist nach wie vor ein Nischensport, und nicht selten haben auch die Besten der Welt noch einen Brotjob. Wir reden hier nicht davon, dass man finanziell wirklich etwas reißen könnte, wie beispielsweise beim Fußball (nicht, dass das eine Rechtfertigung wäre, versteht sich). Natürlich darf man ehrgeizig sein und Dinge erreichen wollen, auch als Trainer oder Trainerin. Das gehört dazu. Aber rückblickend fehlt mir hier einfach jegliche Relation: vor allem, wenn man bedenkt, wie jung die meisten im Voltigiersport sind. Denn: die aktive Karriere beginnt oft mit 5 oder 6 Jahren und hört für viele bereits vor 20 wieder auf.
Dieses ‘auf Kriegsfuß mit dem eigenen Körper stehen’ ist erlerntes Verhalten.
Wir bekommen beigebracht, so zu denken und so kritisch mit uns selbst zu sein. Dabei steht das Aussehen immer noch viel zu oft im Vordergrund und weniger das eigentlich Entscheidende: die körperliche und psychische Beschaffenheit.
Wir lernen, ständig nach äußerlichem Optimierungspotenzial Ausschau zu halten. Ästhetische Ziele sind für viele die Hauptmotivation für Sport. Was meiner Meinung nach nicht verwerflich ist, solange Körper und Psyche nicht unnötig darunter leiden. Das Tückische daran: dieser Prozess verläuft oft schleichend und wird erst bemerkt, wenn es bereits ein Problem ist.
Auch Menschen, die dem gängigen Schönheitsideal scheinbar perfekt entsprechen, empfinden dabei nicht selten mehr Stress als echten Frieden. Zu groß ist der Druck, dieses Ideal aufrechtzuerhalten, koste es, was es wolle - auch die Gesundheit.
Heute sehe ich meinen Körper in erster Linie für das, was er kann.
Wenn ich tauchen oder in der Boulderhalle bin, sehe ich alle denkbaren Körperformen. Und wenn man dabei eines lernt, dann, dass das Aussehen allein kaum etwas darüber aussagt, was ein Mensch wirklich drauf hat.
Manchmal brennt sich eine einzige Bemerkung so sehr ein, dass wir sie nicht mehr vergessen können. Aber wir können lernen, unseren Gedanken in dem Moment umzulenken. Weil eigentlich nur wichtig ist, was ein Körper kann. Wie er dabei aussieht, spielt an und für sich eigentlich keine Rolle.
Leistungssport hat mich dazu gebracht, meinen Körper zu hassen. Und er ist auch der Grund, dass ich ihn heute wieder lieben kann.
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Abtauchen, ausatmen, loslassen
Ich habe das letzte Wochenende beinahe komplett unter Wasser verbracht. Nach einem Jahr kann ich sagen: von allen Sportarten ist Tauchen sicher das Schwerste, was ich je gemacht habe. Und gleichzeitig gibt es wahrscheinlich kein besseres Mentaltraining.
Gegen die Bitterkeit.
Ich habe keine Lust mehr auf den chronischen Pessimismus, der einem im Alltag regelmäßig entgegenweht. Ich ersticke langsam daran. Und ich will wieder atmen.
Stoic Rage
“Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.”







