Was kostet die Todesstrafe, außer das Leben?
Von 'Worst Ex Ever' zur Death Row. | Attitude Stories
Vor kurzem erschien die zweite Staffel der Netflix-Dokureihe ‘Worst Ex Ever’ und ich habe beim ersten Anschauen gemerkt, dass mich einige der darin enthaltenen Themen nicht so schnell loslassen werden. Besonders nach der Folge über den ‘Deadpool Killer’ hatte ich Fragen. Ich wollte wissen, wie es mit Wade Wilson, der seither im Todestrakt der Union Correctional Institution in Florida sitzt, nach seiner Verurteilung weiterging. Was mir im Laufe meiner Recherche erst so richtig bewusst wurde: die Death Penalty bedeutet vieles, aber am wenigsten das, was man als fachfremder Außenstehender annimmt.
Was passiert, nachdem die Todesstrafe verhängt wird? Warum sterben Todestrakt-Insassen am seltensten durch die Exekution? Und was kostet die Todesstrafe, außer das Leben?
Ein ganzheitlicher Blick auf die Death Row in den USA.
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In diesem Artikel
Wann wird die Todesstrafe verhängt?
Was passiert nach dem Todesurteil?
Die wenigsten Todestrakt-Insassen sterben durch die Hinrichtung
Warum vergeht so viel Zeit zwischen Verurteilung und Vollstreckung?
Stimmen zur Todesstrafe
Was kostet die Todesstrafe?
Warum verhängt man also die Todesstrafe, wenn sie eigentlich kaum ausgeführt wird?
Wann wird die Todesstrafe verhängt?
Die Todesstrafe (im Englischen “death penalty” oder ”capital punishment”) kann in den USA für sogenannte “capital crimes” (Kapitalverbrechen) verhängt werden, in der Regel für besonders schwere Morddelikte (“first-degree-murder”).
Aktuell wird in den USA meist entweder mittels Spritze oder elektrischem Stuhl hingerichtet. Präsident Trump und die US-Regierung möchten nun jedoch auch das Erschießungskommando bundesweit zu dieser Liste hinzufügen. Derzeit kommt diese Hinrichtungsart bereits in einzelnen Bundesstaaten zur Anwendung.
Was passiert nach dem Todesurteil?
Nachdem das Todesurteil gefällt wurde, folgt in der Regel ein langjähriger Prozess durch verschiedene Prüfungs- und Berufungsinstanzen. Die Death Row-Kandidaten, deren Exekutionen im letzten Jahr in den USA vollstreckt wurden, saßen im Durchschnitt 27 Jahre im Todestrakt.
Die wenigsten Todestrakt-Insassen sterben durch die Hinrichtung
Die meisten Death Row-Kandidaten sterben aus denselben Gründen wie diejenigen, die stattdessen zu lebenslangen Haftstrafen ohne Aussicht auf Bewährung verurteilt sind - an Krankheiten oder altersbedingt. Dem DPI nach endet weniger als einer von sechs Fällen in der tatsächlichen Exekution. Es ist dreimal wahrscheinlicher, dass ein Todesurteil durch eine gerichtliche Entscheidung aufgehoben als vollstreckt wird. Warum ist das so?
Warum vergeht so viel Zeit zwischen Verurteilung und Vollstreckung?
Da das Capital Punishment wegen seiner Unumkehrbarkeit eine Sonderstellung in der US-Rechtsprechung hat, sind die juristischen Prüfungsverfahren besonders aufwendig. Man möchte sich ‘wirklich sicher sein’ und mögliche Justizirrtümer ausräumen, bevor es zu spät dafür ist. Was den Prozess darüber hinaus so lang streckt, sind die Berufungsverfahren. Diese blockieren das Vorankommen meist über Jahre.
Dadurch, dass Insassen im Durchschnitt Jahrzehnte im Todestrakt verbringen, werden neue Probleme geschürt. Die extremen Haftbedingungen führen mitunter dazu, dass Inhaftierte nach so langer Zeit aufgrund der psychischen Folgen als nicht mehr hinrichtungsfähig erklärt werden. Es gibt einen Begriff für dieses psychologische Phänomen: das Death Row Phenomenon.
Eine pragmatische Herausforderung stellt zudem dar, dass die benötigten Pharmazeutika für die Vollstreckung nicht so leicht zu beschaffen sind. Viele globale Pharmaunternehmen stellen ihre Medikamente ausdrücklich nicht für diesen Zweck zur Verfügung, was wiederum zu Engpässen führt.
Stimmen zur Todesstrafe
Der ehemalige US-Präsident Biden gilt als Gegner der Todesstrafe und hatte während seiner Amtszeit die Vollstreckungen ausgesetzt oder teilweise in lebenslange Haftstrafen umgewandelt.
Trump dagegen geht als Befürworter der Todesstrafe konkrete Schritte, um sie zu stärken. Begründet wird die Stärkung der Todesstrafe von Regierungsseite mit dem vermeintlichen Schutz der Gesellschaft, dem Schaffen von Gerechtigkeit für die Opfer und die lange überfällige Möglichkeit für Angehörige, abzuschließen.
These steps are critical to deterring the most barbaric crimes, delivering justice for victims, and providing long-overdue closure to surviving loved ones.
- Office of the Attorney General, 24.04.26
Was hier jedoch nicht sichtbar wird: viele Angehörige wollen explizit keine solche Verurteilung. Das geht unter anderem aus den Statements hervor, die auf der Seite des Death Penalty Information Center (DPI) zu finden sind.
So sagt beispielsweise Jonathan Mann, Mitglied der ‘Ohioans to Stop Executions’ (OTSE) und Sohn des ermordeten John Mann:
“When it comes to my family and myself, I want this to be over, and it’s not over.”
Wenn es um ihn und seine Familie gehe, wünsche er sich, dass es vorbei ist, und das sei es nicht. Damit bezieht er sich auf das jahrzehntelange Wiederaufrütteln der Geschehnisse durch die Berufungsverfahren und die ungewollte Medienaufmerksamkeit, die dabei auf Hinterbliebenen liegt. Das Geld, das für ein Todesurteil aufgewendet werden muss, könne zudem besser für die Opfer eingesetzt werden:
“We’re talking about trauma centers, we’re talking about helping people with funerary expenses, with counseling. There is a litany of services that could help all victims of crime.”
„Wir sprechen von Traumazentren, wir sprechen davon, Menschen bei den Bestattungskosten und bei der psychologischen Betreuung zu helfen. Es gibt eine ganze Reihe von Angeboten, die allen Opfern von Straftaten helfen könnten.“
Die Hinterbliebene Megan Smith, Tochter des ermordeten Ehepaars Terry und Lucy Smith, sagt:
“One of my parents’ killers is on death row in Pennsylvania. I cannot imagine what good it would do to kill a person who is incarcerated and away from the public. No one would be made safer. However, I can think of many people who would be harmed by his death — including his innocent family members and the prison workers who would be asked to carry out his execution. Not a single person would be healed.”
Smith ist Mittelschullehrerin und lebt mit dem Wissen, dass einer der Mörder ihrer Eltern in Pennsylvanias Todestrakt sitzt. Sie könne nicht sehen, was es Gutes brächte, einen Menschen zu töten, der sich bereits hinter Gittern und damit fernab der Gesellschaft befindet. Keiner werde dadurch sicherer. Dafür könne sie sich den weiteren Schmerz vorstellen, den sein Tod für dessen Angehörige und die Personen verursacht, die das Urteil vollstrecken. Niemand werde dadurch geheilt.
Renny Cushing, Sohn des ermordeten Robert Cushing und Schwager des ermordeten Stephen McRedmond, ist New Hampshire state representative und Gründer der Organisation ‘Murder Victims’ Families for Human Rights’. Zur Todesstrafe äußert er sich folgendermaßen:
“Our society is conflicted about the death penalty. I recognize and respect the diversity of opinions about capital punishment among survivors of murder victims. Unlike those of many death-penalty opponents, my views are victim-centered. My opposition is not rooted in what an execution does to a condemned prisoner but in what a system that embraces the ritual killing by government employees of an incapacitated prisoner does to me – to us, as individuals and as a society.”
„Unsere Gesellschaft steht im Zwiespalt, was die Todesstrafe angeht. Ich sehe und respektiere die vielfältigen Meinungen unter den Hinterbliebenen der Mordopfer. Anders als viele Gegner der Todesstrafe sind meine Ansichten opferzentriert. Meine Opposition basiert nicht darauf, was eine Hinrichtung einem verurteilten Verbrecher antut, sondern was ein System, das das rituelle Töten eines bereits handlungsunfähig gemachten Inhaftierten durch Regierungsbeauftragte willkommen heißt, mit mir macht - mit uns, als Individuen und als Gesellschaft.”
Was kostet die Todesstrafe?
Ein einzelnes Todesurteil kostet den Staat bis zur möglichen Exekution etwa 1,5 bis 3 Millionen US-Dollar extra.
Diese Zahl variiert stark und kann leicht noch höher ausfallen, je nach Bundesstaat und Prozessumfang. Es bleibt in jedem Fall ein Vielfaches der Kosten für eine lebenslange Haftstrafe ohne Bewährung, die sich durchschnittlich auf mehrere hunderttausend bis maximal 1,1 Millionen US-Dollar belaufen.
Einen Teil davon machen die extremen Haftbedingungen im Todestrakt aus. Isolationshaft ist teuer, erfordert mehr Sicherheitsvorkehrungen und eine spezielle Unterbringung, da die Insassen offiziell rund 23 Stunden am Tag in ihren Zellen verbringen.
Auch die Gerichtskosten sind, verglichen mit Verfahren ohne Todesstrafe, ingesamt sehr viel höher. Anwälte müssen vom Staat gestellt werden, da die Angeklagten sich die erforderliche Pflichtverteidigung in den meisten Fällen nicht leisten können. Wenn ein Capital Punishment im Raum steht, häuft sich der Bedarf an Experten, wie etwa für Forensik oder psychiatrische Gutachten. Laut des DPI tragen die Steuerzahler des entsprechenden Bezirks zudem die Kosten für die zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen und die längere Untersuchungshaft. Verfahren mit Todesstrafe können dabei bis zu viermal so lange dauern wie Verfahren, in denen keine gefordert wird.
Warum verhängt man also die Todesstrafe, wenn sie eigentlich kaum ausgeführt wird?
Die Todesstrafe hat in den USA eine lange juristische Tradition. Sie steht gesellschaftlich gesehen für moralische Vergeltung. Opfer sowie Hinterbliebene sollen die höchstmögliche Validierung bekommen, indem die Verursacher ihres Schmerzes dafür mit dem Leben bezahlen.
Mittlerweile ist es jedoch so, dass in immer mehr Fällen nicht einmal Überlebende und Angehörige selbst mehr die Todesstrafe fordern - sich sogar vermehrt dagegen aussprechen - weil es für sie jahrzehntelanges Wiederaufrütteln der Geschehnisse und ein Leben im ungewollten Scheinwerferlicht durch wiederkehrende Medienaufmerksamkeit bedeuten kann.
Die wenigsten verurteilten Todestrakt-Insassen in den USA sterben durch die Exekution. Auch Wade Wilson, der ‘Deadpool-Killer’, sitzt als verurteilter Mörder zwar im Todestrakt - statistisch gesehen ist allerdings nicht damit zu rechnen, dass das Urteil jemals vollstreckt wird.
Obwohl die Aufrechterhaltung der Death Row dem Staat erhebliche Mehrkosten verursacht und von gesellschaftlicher Seite immer weniger als geeignetes Mittel zum Schaffen von Gerechtigkeit gesehen wird, wird unter aktueller Regierung an der Todesstrafe festgehalten. Die Frage bleibt also: warum?
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Das Death Penalty Information Center ist eine non-profit Organisation mit Sitz in Washington D.C. Seit 1990 wird dort zum Thema Todesstrafe differenziert berichtet und wertvolle Aufklärungsarbeit geleistet. Wer sich gezielt detailliertere Informationen zu den verschiedenen Aspekten des Capital Punishment einholen möchte, wird beim DPI fündig.
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Toll, danke für die zusammengetragenen Infos! Was für eine Ressourcenverschwendung und Belastung für alle Beteiligten.